Im UEFA-Cup zeigte Tymoschtschuk Bayerns van Bommel, wo der Hammer hängt
Im UEFA-Cup zeigte Tymoschtschuk Bayerns van Bommel, wo der Hammer hängt
© Imago

Anatolij Tymoschtschuk im Porträt

Montag, 01.12.2008

Tymoschtschuk: Klinsmanns Wunsch-Verrückter

Auf der Zielgeraden im Millionen-Poker: Der FC Bayern München steht vor der Verpflichtung von Wunsch-Spieler Anatolij Tymoschtschuk. Doch wie genau tickt der Ukrainer eigentlich? Ein Porträt.

Nein, Wladislaw Radimow kann sich keinen Reim machen auf den Wirbel um seinen Teamkollegen Anatolij Tymoschtschuk und dessen bevorstehenden Wechsel zum FC Bayern.

"Okay, die Serie A wäre perfekt für Anatolij. Auch die Premier League würde zu ihm passen. Spanien im Grunde ebenso, obwohl es dort taktisch etwas undisziplinierter zugeht. Aber Deutschland? Warum sollte er nach Deutschland gehen?", fragte Radimow, der Mittelfeldspieler von Zenit St. Petersburg, mit unverkennbarem Spott.

"Wir haben im UEFA-Cup letzte Saison doch gezeigt, auf welchem überschaubaren Niveau selbst die Münchner spielen. Anatolij würde sich in Deutschland vermutlich langweilen."

Keine acht Monate ist es her, als St. Petersburg im Halbfinale des UEFA-Cups den FC Bayern mühelos an die Wand spielte. Radimow war beim 4:0-Rückspielsieg gar nicht dabei, dafür aber eben jener Tymoschtschuk, dessen Leistung derart vorzüglich war, dass der FCB gleich Lunte roch und den Ukrainer schon im Sommer verpflichten wollte.

Verhandlungen im Luxushotel

Damals noch fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit, intensivierten die Münchner in den vergangenen Herbstwochen offenbar ihre Bemühungen um den Mittelfeldspieler, so dass sein Wechsel fast schon als perfekt gilt.

So quartierte sich Tymoschtschuk mit seiner Ehefrau Nadiya am Wochenende im Münchner Luxushotel "Vier Jahreszeiten" ein und bat die komplette Bayern-Chefetage am Sonntagvormittag zu Verhandlungen in seine Herberge, wie die "Bild" berichtet.

Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge und Finanzvorstand Karl Hopfner hätten um 12.25 Uhr das "Vier Jahreszeiten" verlassen, etwa eine halbe Stunde später sei ihnen Manager Uli Hoeneß gefolgt.

Ablöse: rund 14 Millionen

Und auch wenn Rummenigge zurückhaltend davon spricht, dass "wir noch einige Dinge zu klären haben", "der Spieler noch etwas Bedenkzeit braucht" und es nicht darum gehe, "den Spieler im Winter zu holen", gibt es nur noch wenig Zweifel darüber, dass Tymoschtschuk trotz aller Dementi bereits ab Januar in München spielt.

Zum einen, weil die Ablöse (rund 14 Millionen Euro) und das Gehalt (über 4 Millionen netto pro Jahr) ausgehandelt seien. Zum anderen, weil Tymoschtschuk bereits vor zwei Wochen erklärt hatte, dass er sich zeitnah mit Zenit über einen Weggang verständigen will. "Ich habe meine Entscheidung schon vor einer ganzen Weile getroffen. Wenn sich das Transferfenster öffnet, werde ich mit Zenit und dem interessierten Klub reden."

Damit scheinen die Bayern endlich den ersehnten defensiven Mittelfeldspieler moderner Prägung gefunden zu haben, nachdem es im Sommer noch Körbe von Mathieu Flamini oder Gennaro Gattuso gehagelt hatte. Tymoschtschuk ist, so schreibt die "Bild", der "Wunsch-Star" von Trainer Jürgen Klinsmann.

Idol in der Ukraine

"Zehn Prozent des Erfolgs haben etwas mit Talent zu tun. Der Rest kommt von harter Arbeit."

Anatolij Tymoschtschuk

Am 30. März 1979 im ukrainischen Luzk geboren, offenbarte Tymoschtschuk früh eine Charaktereigenschaft, die sich wie ein roter Faden durch seine Karriere ziehen sollte. "Schon als Kind wollte er immer gewinnen und hat hart dafür gearbeitet", erzählt Vater Olexander, ein ehemaliger Leichtathlet.

In der Jugend besuchte Tymoschtschuk mehrere Fußball-Schulen und -Internate, bevor er mit 18 Jahren seinen ersten großen Vertrag bei Schachtjor Donezk unterschrieb. Der Beginn einer großen Liebe.

Wegen seiner Loyalität für den Verein, der ihm so schnell ans Herz gewachsen war, verzichtete Tymoschtschuk trotz einiger lukrativer Angebote lange auf einen Wechsel ins Ausland und wurde so zu einer Identifikationsfigur für das politisch gespaltene Land.

Wechsel für 15 Millionen nach Russland

"Tymoschtschuk ist der Glücksbringer einer geteilten Nation", schrieb der "Independant" vor zwei Jahren. Und auch in der aus etlichen Legionären zusammengekauften Schatjor-Mannschaft entwickelte er sich zusehends zur Führungsfigur, kümmerte sich um die vielen Brasilianer im Team und fungierte auch als Vermittler zwischen der Mannschaft und dem eigensinnigen, milliardenschweren Besitzer Rinat Achmetow.

Doch im Frühjahr 2007 folgte nach Jahren der nationalen Erfolge und internationalen Enttäuschungen die Trennung. Ob Tymoschtschuk den Weggang forcierte oder der Verein der Verlockung des 15-Millionen-Euro-Angebots aus St. Petersburg erlag, ist nicht bekannt.

Angeblich, so wird sich noch heute erzählt, habe Zenit die Hälfte der Ablöse in Naturalien gezahlt. Genauer: Mit Gas. Immerhin gehört Zenit dem größten Erdgasunternehmen der Welt, Gazprom.

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Tymoschtschuks Credo: Arbeit

Wie auch immer: Der zweimalige ukrainische Fußballer des Jahres wechselte nach Russland - und führte Zenit prompt auf ein neues, bis dato unbekanntes Level.

Angeführt vom introvertiert-fokussierten Antreiber Tymoschtschuk und seinem Antagonisten, dem hibbelig-exzentrischen Torjäger Andrej Arschawin, gewann Zenit zunächst nach über zwei Jahrzehnten den Ligatitel, wenige Monate darauf folgte im Anschluss an das Fußball-Fest gegen den FC Bayern auch der UEFA-Cup-Triumph.

"Wie viele kleine Jungs habe ich davon geträumt, irgendwann einen Europapokal zu gewinnen. Deswegen arbeite ich seit Jahren so hart an mir. Zehn Prozent des Erfolgs haben etwas mit Talent zu tun hat. Der Rest kommt von harter Arbeit", so Tymoschtschuks Credo.

Interesse von Real und ManUnited

"Ein absoluter Profi. Ein positiv Verrückter. Der würde zu den Bayern passen."

Andrij Woronin

Nach einem mäßigen Jahr 2008 mit dem frühen Ausscheiden in der Champions League und dem enttäuschenden fünften Platz in der russischen Liga stehen die Zeichen jedoch auf Abschied aus St. Petersburg.

Real Madrid hat angeblich angefragt, und "von Manchester United oder Juventus habe ich auch schon gehört", sagt  Tymoschtschuk. Doch zu Bayerns Glück scheint er zur Bundesliga zu tendieren, wie sein Besuch in München beweist.

Berlins Andrij Woronin, sein Freund und Nationalmannschaftskollege, sagt: "Anatolij ist ein Kämpfer, marschiert immer 90 oder notfalls 120 Minuten. Ein absoluter Profi. Ein positiv Verrückter. Der würde zu den Bayern passen."

Nicht für die Königsklasse spielberechtigt

Doch nach all der Lobhudelei sei eine Nachfrage gestattet: Kann man dem FCB uneingeschränkt zum bevorstehenden Wechsel gratulieren? Denn bei aller Wertschätzung: 14 Millionen Euro Ablöse erscheinen für einen bald 30-Jährigen - gelinde gesagt - etwas überhöht.

Zumal Tymoschtschuk wegen seiner Einsätze für Zenit in dieser Saison nicht für die Bayern in der Champions League spielen dürfte.

Und dann gibt es ja noch die unheilvolle Liste seiner Vorgänger. In den letzten drei, vier Jahren gelang es nur wenigen Fußballern aus der ehemaligen Sowjetunion der Sprung zu einem größeren Verein in Westeuropa. Die gnadenlose Realität: Sie alle scheiterten.

Der schwere Weg nach Westeuropa

Dmitri Sytschew hielt es nur wenige Monate in Marseille, nicht besser erging es Alexander Kerschakow in Sevilla. Selbst Sergej Semak, seines Zeichens der aktuell beste Fußballer in Russland, kehrte nach einem Jahr bei Paris St. Germain desillusioniert zurück. Die neue Umgebung, die neue Sprache.

"Jeder Legionär, der in einem anderen Land spielt, sollte versuchen, dort die Sprache zu lernen. Das ist doch einfach eine Frage von Verantwortung und Respekt", riet Tymoschtschuk noch zu seiner Zeit in Donezk seinen ausländischen Mitspielern.

Mal sehen, wann Tymoschtschuk selbst mit dem Deutsch-Unterricht beginnt.

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Haruka Gruber

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