Die Gegenwart wird von Blockbuster-Deals bestimmt, in naher Zukunft soll Manchester City aber zum Jugend-Vorzeigeklub werden - und das mit deutschem Know-how. Mark Allen, Direktor der City-Akademie und damit verantwortlich für die Nachwuchsarbeit des Vereins, spricht über Vorwürfe aus der Bundesliga, den strukturellen Vorteil des FC Barcelona und den Werdegang zweier deutscher Talente in Manchester.
SPOX: Die Bundesliga feiert den Erfolg ihrer Nachwuchsleistungszentren und alle Verantwortlichen betonen, dass es für ein deutsches Talent keinen Grund gibt, in die Premier League zu wechseln. Was sagt Manchester Citys Akademiedirektor?
Mark Allen: Jeder Experte in England wird zugeben, dass es in Deutschland sehr gut läuft. Das steht außer Frage. Aber: Die Stars und die besten Talente wollen immer in die beste Liga, und die heißt nun mal England. Man muss sich nur das Abschneiden in der Champions League in den letzen Jahren ansehen. Alleine der direkte Vergleich zwischen Manchester United und Schalke sollte Beweis genug sein, wie die Kräfteverhältnisse sind. Das wissen auch die Spieler.
SPOX: Liegt es nicht eher am Geld, wenn ein deutscher Nachwuchsspieler nach England wechselt?
Allen: Ich antworte mit einer Gegenfrage: Glauben die deutschen Klubs wirklich, dass es reicht, nur mit den Scheinen zu wedeln? Dass die Mutter ihr Kind einfach mal so in ein fremdes Land schickt? Die Unterstellung, dass Geld alles regelt, ist schlichtweg falsch. Auf uns bezogen: Wir müssen die Eltern und die Jugendlichen mit einer Philosophie überzeugen und ihnen erklären, warum unsere Akademie die richtige ist und wie der zukünftige Weg aussehen kann. Sonst würde niemand bei City unterschreiben.
SPOX: Dennoch werden die Bundesliga-Vereine nicht müde zu betonen, wie unredlich sich die englische Konkurrenz verhält und dass sie sich wie ein Geier auf jedes deutsche Talent stürzt.
Allen: Ich kenne die Äußerungen der Bundesliga-Vereine nicht. Ich kann nur sagen, dass wir - bildlich formuliert - immer durch die Vordertür gehen. Wir wissen, dass es schlecht rüberkommt, wenn man es durch die Hintertür versucht. Ganz im Gegenteil: Wir sind jedem Gespräch aufgeschlossen und sind daran interessiert, mit einem deutschen Verein einen institutionellen Austausch zu etablieren.
SPOX: Sie sind an einer Kooperation interessiert?
Allen: Absolut!
SPOX: Mit welchen Klubs wäre es denkbar?
Allen: Wir stehen in Gesprächen, daher möchte ich die Namen nicht nennen. Aber Fakt ist: Wir können von Deutschland lernen.
SPOX: Was?
Allen: Deutschland hat vor einigen Jahren tief eingeatmet und in Ruhe das gesamte System hinterfragt. Jetzt ist Deutschland dort, wo England hin will. Bei uns entsteht erst seit der enttäuschenden WM 2010 eine richtige Diskussionskultur. Vieles ist noch schwammig und es ist keine Linie zu erkennen. In Deutschland hingegen wurden alte Denkmuster aufgebrochen. Früher kamen deutsche Spieler über ihre Physis, doch mittlerweile sind viele klein, wendig und technisch gut, fast auf dem Niveau der Spanier.
SPOX: Was wünschen Sie sich?
Allen: Es sind viele Punkte, die in England abzuarbeiten sind. Angefangen mit der Restriktion, dass man Spieler zwischen 13 und 16 Jahren nur unter Vertrag nehmen kann, wenn diese innerhalb eines 90 Minuten Autofahr-Radius' von der Akademie leben. Ab 16 fällt die Beschränkung zwar weg, dann jedoch beginnt ein Wettbieten, weil es anders als in Deutschland keine klaren Regeln gibt, wie der abgebende Verein entschädigt wird. Deswegen brauchen wir eine grundsätzliche Neuordnung. Irgendwann wäre es ideal, wenn die größten Talente tatsächlich bei den Akademien landen, die die beste Infrastruktur, die höchsten Coaching-Standards und eine Vision bieten.
SPOX: Und der Scheichklub Manchester City wird zu diesen Akademien zählen?
Allen: Ich kenne die Vorbehalte gegen City, doch am Ende sind die Zweifel egal, solange wir an unsere Philosophie glauben. Es lässt sich nicht wegdiskutieren, dass bei uns die Nachwuchsförderung schon immer eine wichtige Rolle eingenommen hat. Shaun Wright-Phillips, Micah Richards oder Nedum Onouha sind ein Beweis dessen.
SPOX: Für die meisten Klubs ist der FC Barcelona das Vorbild? Für Sie auch?
Allen: Wir haben uns als Ziel gesetzt, zur absoluten Nummer eins zu werden. Daher muss man sich genau anschauen, was Barcelona erreicht hat. Wir wollen in Zukunft ebenfalls, dass ein Großteil der Mannschaft aus selbst ausgebildeten Spielern besteht. Ich bin jedoch dagegen, alles zu verklären. Ich meine das nicht kritisch, aber man darf auch festhalten, dass Barcelona gegenüber anderen Klubs mit ähnlichen Ambitionen einen großen Vorteil besitzt: Es hat regional fast keine Wettbewerber und kann aus einem riesigen Pool auswählen. Wir hingegen müssen uns gegen Manchester United, Liverpool, Everton, Blackburn und Wigan durchsetzen.
Teil II: Allen über die City-Vision und eine ominöse Tafel
SPOX: Sie sagen, dass Citys Mannschaft aus selbst ausgebildeten Spielern bestehen soll. Schwer zu glauben angesichts der Einkaufswut Ihres Vereins.
Allen: Sie sollten nicht den gleichen Fehler machen wie so viele. Man muss differenzieren: Zwischen der kurzfristigen Strategie auf der einen Seite sowie die mittel- und langfristige Strategie auf der anderen Seite. Kurzfristig wollen wir unseren Business-Plan beschleunigen und unsere Ziele in der Champions League und in der Premier League so schnell wie möglich erreichen. Daher auch die Transfers: Carlos Tevez, David Silva, Edin Dzeko, Sergio Agüero.
SPOX: Und was ist mittel- und langfristig geplant?
Allen: Mittelfristig soll so vielen Talenten wie möglich, die wir vielleicht erst mit 15, 16, 17 Jahren für die Akademie verpflichtet haben, der Sprung in die Premier League gelingen. Langfristig wollen wir eine eigene City-Generation - mit Leistungsträgern im Profiteam, die schon mit neun, zehn Jahren bei uns angefangen haben.
SPOX: Und Chefcoach Roberto Mancini steht auch hinter dieser mittel- und langfristigen Strategie?
Allen: Im Verein steht jeder hinter der Strategie - einfach, weil sie logisch ist. Fußball ist Business, und aus Geschäftsmannsicht muss man eigene Spieler formen, um finanziell überleben zu können oder mit Verkäufen sogar einen Profit zu machen. Nur Einkaufen funktioniert nicht ewig, alleine schon wegen des Financial Fair Plays. Daher ist es klar mit der Führung und Roberto Mancini abgesprochen, dass der Nachwuchsförderung eine entscheidende Bedeutung für City zukommt.
SPOX: Es ist beinahe untergegangen, dass vergangenes Jahr sieben Eigengewächse in der ersten Mannschaft eingesetzt wurden - wenn auch häufig nach Einwechslungen.
Allen: Viele Klubs erzählen, wie groß doch die Chance bei ihnen ist, die Premier League zu erreichen. Wir erzählen jedoch nicht nur, wir setzen es auch um. Deswegen wurde im Essensraum der Akademie eine Tafel aufgehängt mit den Namen der Spieler, die über unsere Akademie im Profi-Fußball gelandet sind. So können wir die Jungs jedes Mal fragen, ohne es laut sagen zu müssen: 'Wollt ihr auch an die Wand? Wollt ihr die Nächsten sein?'
SPOX: Von Ihrer Nachwuchsarbeit ließ sich offenbar auch Israels Supertalent Gai Assulin überzeugen, der letzten Sommer ausgerechnet von Barca zu City kam. Wie macht er sich?
Allen: Wir haben ihm unseren Plan für ihn erklärt und er war begeistert. Er hat sofort verstanden, wohin wir ihn führen wollen. In Gai schlummert ein riesiges Potenzial. Dennoch gilt auch für ihn wie für alle anderen: Der Schritt von der Reservemannschaft zu den Profis ist gewaltig.
BLOGLeoAndreas 10: Gai Assulin - das nächste Barca-Talent im Anmarsch
SPOX: Weswegen auch der Deutsche Nils Zander nach nur einem Jahr nach Schalke zurückgekehrt ist?
Allen: Es gibt leider Fälle, bei denen die Eingewöhnung nicht klappt. Vielleicht ist er zu jung von zuhause ausgezogen, vielleicht hat er sich einfach nur nicht in Manchester wohl gefühlt. Das kann passieren, deswegen haben wir uns einvernehmlich darauf geeinigt, auseinanderzugehen. Ich möchte jedoch betonen, dass so etwas die Ausnahme und nicht die Regel ist.
SPOX: Wie geht es dem 18-jährigen Torwart Loris Karius, den City 2009 vom VfB Stuttgart verpflichtet hat?
Allen: Er ist ein guter Keeper. Er hat nicht die körperliche Präsenz eines Manuel Neuer, aber seine Reaktionsfähigkeit und seine Fähigkeit beim Mitspielen sind überdurchschnittlich. Dennoch wird es für ihn wie für alle anderen Gleichaltrigen nicht einfach, es bis zu den Profis zu schaffen. Alles hängt von seiner Bereitschaft ab.
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SPOX: Grundsätzlich gefragt: Wie lautet Ihre eingangs erwähnte Philosophie für einen Nachwuchsspieler?
Allen: Jeder muss individuell betreut werden. Aber es gibt natürlich gewisse Vorgaben, an denen sich die Trainer zu halten haben. Fußballerisch steht bei den Sechs- bis Elfjährigen das Techniktraining im Vordergrund. Zwischen elf und 15 gibt es die ersten taktischen Elemente, außerdem soll sich der Körper entwickeln. Zwischen 15 und 17 bekommt die Physis eine größere Bedeutung. Je näher es zu den Profis geht, wird auch intensiver mental gearbeitet.
SPOX: Mit einem Psychologen?
Allen: Ja, wir legen großen Wert darauf. Bei den ganz jungen Spielern sind sie mehr als Diagnostiker gefragt - zum Beispiel, indem sie feststellen, ob ein Kind eher visuell, akustisch oder emotional lernt. Bei den Älteren sollen sie eher die Fragen erörtern: Wie reagiert er auf einen Erfolg? Auf Druck? Auf Enttäuschung? Technik, Taktik und Physis sind Grundvoraussetzungen. Um nicht nur zu einem guten, sondern zu einem großartigen Fußballer zu werden, muss auch die mentale Seite stimmen.
SPOX: Wie wollen Sie das abgesehen von Psychologen gewährleisten?
Allen: Wir lassen keinen Zweifel daran, dass wir Spieler wollen, die selbstständig denken und gleichzeitig ihre Handlungen reflektieren. Es geht um Anstand und um Werte. Um das zu unterstreichen, haben wir vor einem Jahr auch das Tragen bunter Fußball-Schuhe verboten. Dass die Botschaft ankommt, zeigt sich darin, dass die Spieler sogar einen eigenen Verhaltenskatalog ausgearbeitet haben. Das gefällt mir, denn: Selbstkontrolle ist bei jungen Menschen wirkungsvoller als jedes von uns vorgegebenes Regelwerk.
Alle Infos zum Scheich-Klub: Manchester City im Steckbrief
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