Die Bundesliga ist mitten in der heißen Phase der Saisonvorbereitung. In den Trainingslagern wurden die Grundlagen für eine lange Saison gelegt. Auch im Amateurfußball bereiten sich die Klubs bis hinunter zur Kreisklasse auf die neue Spielzeit vor. Die spannende Frage: Wie trainiert man richtig? Wie hat sich die Methodik in den letzten Jahren entwickelt? SPOX geht der Frage der Trainingsmethodik theoretisch und in Selbstversuchen auf den Grund. Teil 3: Motivation.
Wie funktioniert das Reiss Profile? SPOX hat den Selbstversuch gemacht
Im Interview mit SPOX spricht Boltersdorf über seine Arbeit mit Trainern und Spielern, Bedingungen für Erfolg, den Mythos Teamgeist und Extremsituationen wie den spanischen Clasico oder eine Fußball-WM im eigenen Land.
SPOX: Herr Boltersdorf, Sie haben vor ein paar Jahren mal gesagt, die Bundesliga schöpfe nur 15 Prozent des Potenzials im Bereich Mentaltraining aus. Hat sich daran etwas geändert?
Peter Boltersdorf: Nein, überhaupt nicht. (lacht)
SPOX: Warum nicht?
Boltersdorf: Das Thema wird immer noch argwöhnisch betrachtet. Man könnte als gestandener Profi und Trainer dabei Schwächen zeigen und das wird als nicht angenehm empfunden. Psychologie ist für viele etwas, womit man Krankheiten entdeckt. Dieses Image herrscht immer noch vor.
SPOX: Aber den einen oder anderen Teampsychologen gibt es ja durchaus in der Fußball-Bundesliga.
Boltersdorf: In der Mehrzahl der praktischen Anwendungen in der Psychologie werden nach wie vor viele Aspekte der Hirnforschung oder der Neurobiologie nicht berücksichtigt - und auch nicht die Erkenntnisse zur Persönlichkeit, die wir mit dem Reiss Profile gewinnen. Zur Zeit beginnt darüber aber eine sehr interessante Diskussion.
SPOX: Wie grenzen Sie sich von den Teampsychologen eigentlich ab?
Boltersdorf: Ich frage mich, wie man so eine Arbeit machen kann, ohne eine intensive Kenntnis der einzelnen Persönlichkeiten einer Mannschaft zu haben. Aus meiner Arbeit weiß ich, wie unterschiedlich Mannschaften sein können. Das ist schon verblüffend. Aber am Ende ist für den einzelnen Profi seine Beziehung zum Cheftrainer entscheidend. Wie gut versteht der Trainer seinen Spieler und wie gut versteht der Trainer das psychische Zusammenspiel der Spieler im Team?
Weitere Infos zum Reiss Profile
SPOX: Inwiefern?
Boltersdorf: Allein wie viel Selbstvertrauen und Stressfestigkeit in einer Mannschaft stecken können. Das kann sehr viel sein, aber auch sehr wenig und hat massive Konsequenzen für den Umgang mit der Mannschaft. Das ändert aber nichts daran, dass die wichtigste Bedingung für Leistung und Motivation die Eins-zu-Eins-Situation zwischen Spieler und Trainer ist. Die ist absolut entscheidend. Darüber entwickelt sich der größte Einfluss, den der Trainer überhaupt haben kann. Und ich weiß, dass das bei einigen Betreuern aus der Psychologie, aber auch bei vielen Trainern überhaupt keine so wichtige Rolle spielt.
SPOX: Was machen Sie aus dieser grundlegenden Bedingung?
Boltersdorf: Mein Ziel ist es, eine Konstanz in der Leistungsfähigkeit zu erzeugen, die unabhängig vom Zeitpunkt der Saison und vom Tabellenstand ist. Es geht um eine Stabilität, auf die man sich verlassen kann. Und meine wichtigste Aufgabe ist es, den Trainer zu beraten und ihm im Umgang mit jedem einzelnen Spieler Hilfestellung zu geben. Der zweite Aspekt ist die Teamentwicklung, was aber nichts mit irgendwelchen Outdoor-Aktivitäten zu tun oder damit, über glühende Kohlen zu laufen.
SPOX: Womit dann?
Boltersdorf: Teamentwicklung in meiner Arbeit bedeutet herauszufinden, welche gemeinsamen Interessen die Mannschaft hat und diese so zu kommunizieren, dass sie jeder nachvollziehen kann und darüber dann einen stärkeren Teamgeist entwickelt. Es ist kennzeichnend für den Profi-Fußball, dass wir bei den Mannschaften keine hohe Teamorientierung vorfinden. Die Teamorientierung ist maximal neutral.
SPOX: Das klingt verblüffend.
Boltersdorf: In der Tat. Theoretisch müsste die Teamorientierung in Mannschaftssportarten gegen hoch tendieren. Sie tut es aber faktisch nicht. Ich habe inzwischen Daten von über 500 Fußball-Profis aus Deutschland und Holland. Das ist eine so große Zahl, dass dieses Ergebnis absolut valide ist.
SPOX: Wie gehen Sie mit dieser Erkenntnis um? Daran rütteln kann man vermutlich nicht.
Boltersdorf: Nein, das ist ein Fakt, den wir nicht verändern können. Wir müssen aktiv daran arbeiten, das Team belastbar zu machen. Für negative Erlebnisse, für Niederlagen, Rückschläge. Daran hängt es. Jeder der sich mit Fußball beschäftigt, stellt fest, dass immer dann, wenn eine Mannschaft gewinnt, von einem super Team gesprochen wird. Das liegt daran, dass der Erfolg alle Lebensmotive bedient und folglich haben sich - ganz platt ausgedrückt - alle lieb. Misserfolg jedoch legt die individuellen Unterschiede offen und dann gibt es Vorwürfe untereinander und auf einmal ist aus der ganz starken Teamsituation eine ganz schwache geworden. Und das passiert, obwohl das Verhalten des einzelnen Spielers im Erfolg und in der Niederlage exakt gleich ist. Erfolg verbindet Menschen, Misserfolg trennt. Aufgabe der Teamentwicklung ist es, diese Abhängigkeit zu verringern.
SPOX: Wie geht das konkret? Was sind geeignete Maßnahmen?
Boltersdorf: Gemeinsame Interessen zeigen sich anhand gemeinsamer Lebensmotivausprägungen. Es ist kein Geheimnis, dass das Lebensmotiv Familie bei vielen Fußballern eine große Rolle spielt. Zum Beispiel sind 16 von 18 Profis in einem Kader emotional berührt, wenn es um die eigenen Kinder geht, dann ist das ein Thema, etwas Gemeinsames, mit dem ich arbeiten kann.
SPOX: Wie arbeiten Sie damit?
Boltersdorf: Indem ich das anspreche. Indem ich sage: 'Leute, lasst uns heute so spielen, dass unsere Kinder stolz auf uns sind.' Das packt jeden Menschen, für den die Kinder und die Familie eine Bedeutung haben. Das ist ein echter Grund für Leistung. Und es betont die Gemeinsamkeit, denn es sitzt ja wohl kaum einer in der Runde, der sich denkt: 'Wovon redet der Trainer da eigentlich?'
SPOX: Dazu muss der Trainer aber eben wissen, was das Team anspricht.
Boltersdorf: Nehmen Sie die Wertorientierung. Die finden wir bei Fußball-Profis ganz selten. Wenn der Trainer dieses Thema anspricht, dann sitzen womöglich alle da und fragen sich: 'Wovon redet der? Ich spiele heute gar nicht für Kaiserslautern oder für die Region. Ich spiele für mich.' Dann würde der Trainer an der Mannschaft vorbei reden.
SPOX: Haben Sie andere Beispiele aus der Praxis?
Boltersdorf: Bei den Handballern bei der WM 2007 haben wir im Vorfeld stark damit gearbeitet, den Spielern zu vermitteln, was alles passiert und wie positiv das ist, wenn man Weltmeister ist.
SPOX: Wie muss man sich das konkret vorstellen?
Boltersdorf: Wir haben eine Imaginationsreise gemacht. Wir haben das Finale mehrfach in der Phantasie vorweg gespielt. Immer gegen Frankreich, weil wir noch nicht wussten, wer es dann am Ende wird. Die Spieler erlebten die Emotionen im Voraus und bekamen eine Vorstellung davon, was ihnen der Erfolg alles liefern würde. Das erzeugte wiederum eine Gemeinsamkeit, die auch notwendig war, weil auch bei dieser Mannschaft keine starke Teamorientierung vorlag.
SPOX: Tatsächlich? Die Wahrnehmung war aber eine ganz andere.
Boltersdorf: Der Teamgeist ist erst durch unsere Maßnahmen entstanden und natürlich durch den Erfolg. Als der später ausblieb, ist die Mannschaft zerbrochen, weil die emotionale Basis fehlte.
Weiter auf Seite 2: Von Glücksbändchen, Rächern und Kämpfern
Boltersdorf: Es gibt keinen Belohnungsersatz für eine Niederlage. Das Ziel ist es dann, trotz der Frustration dafür zu sorgen, dass die Mannschaft kognitiv weiter teamorientiert handelt und sich gegenseitig unterstützt und den Glauben nicht verliert und das einzige, was wir dafür haben sind die gemeinsamen Interessen.
SPOX: Wie machen Sie das?
Boltersdorf: Wie arbeiten ganz stark mit Symbolen, die die Mannschaft aber selbst entwickelt. Man darf nichts von außen vorgeben.
SPOX: Was kann so ein Symbol sein?
Boltersdorf: Bekannt sind die Glückbändchen, wie sie die "Bild"-Zeitung genannt hat. Das Entscheidende ist natürlich, was drin steht. In den Bändchen verbergen sich Botschaften, die die Mannschaft selbst entwickelt hat. Ich betone noch mal: Es darf nichts Vorgegebenes sein. Das wirkt nicht. Eine Botschaft, die die Spieler selbst entwickelt haben, kann eine sehr starke Wirkung haben.
SPOX: Ich stelle mir gerade vor, wie 20, 25 erwachsene Männer zusammensitzen und sich überlegen, was sie in ihr Freundschaftsbändchen schreiben sollen. Das funktioniert?
Boltersdorf: Das funktioniert.
SPOX: Sind Sie bei so einem Vorgang dabei?
Boltersdorf: Ich moderiere.
SPOX: Jetzt stelle ich mir einen 20-jährigen Jungprofi in Ihrer Runde vor, der zwei Millionen im Jahr verdient. Der findet das auch gut? Der hält sich nicht etwa pikiert im Hintergrund?
Boltersdorf: Sie dürfen folgendes nicht vergessen: Wenn es zu so einem Termin kommt, dann hat auch der längst verstanden, warum er zwar die zwei Millionen bekommt, sich aber trotzdem nicht zufrieden fühlt. Das geht übrigens vielen so, dass ihnen alle sagen 'Toll, jetzt hast Du's aber geschafft!', aber sie empfinden gar nicht so. Über die Arbeit, die wir bis dahin gemacht haben, hat er das aber längst verstanden - und dann ist da nichts mehr mit pikiert. Ich habe mehr als einmal bei einer solchen Gelegenheit Gänsehaut bekommen, wenn einer mit einem Vorschlag ankam und mir klar wurde: Das ist die Mannschaft. Das macht viele von denen aus. Das ist der Spruch, der am Ende in dem Bändchen stehen wird.
Wie funktioniert das Reiss Profile? SPOX hat den Selbstversuch gemacht
SPOX: Verraten Sie mir einen Spruch?
Boltersdorf: Nein.
SPOX: Dachte ich mir. Deshalb leite ich über zu einem anderen Punkt. Ein Lebensmotiv, über das das Reiss Profile Auskunft gibt, ist Rache/Kampf. Das erscheint mir im Leistungssport besonders interessant zu sein.
Boltersdorf: Sport ist dafür ein wunderbares Spielfeld. Sie stoßen immer wieder auf Menschen, bei denen dieses Motiv sehr hoch ausgeprägt ist. Das sind die Leute, die beim Badminton immer schon nach zwei Minuten fragen: 'Können wir jetzt um Punkte spielen?' Leute, bei denen das Motiv schwach ausgeprägt ist, haben auch Spaß an der Ästhetik des Spiels und müssen ihrem Gegner den Ball nicht unbedingt so um die Ohren hauen, dass er nicht wieder zurückkommt. Bei Rache/Kampf hoch kommt es nur aufs Gewinnen an, ob ich dabei gut oder schlecht spiele, ist zweitrangig.
SPOX: Was ist mit Fußballern, die eine schwache Ausprägung bei diesem Motiv haben? Wenn es sie denn gibt...
Boltersdorf: Wir finden eine hohe Ausprägung sehr häufig vor. Am Ende des Tages kommt es beim Fußball aber auf das Talent an. Ein begnadeter Spieler, der bei Rache/Kampf einen sehr niedrigen Wert hat, bekommt möglicherweise ein Problem mit dem Trainer. Die meisten Trainer wollen immer den absoluten Biss sehen, auch im Training. So ein Spieler bekommt bei einer Niederlage immer die Kritik zu hören, er hätte nicht genug gekämpft, nicht alles gegeben. Bei einem Sieg bekommt der gleiche Spieler, obwohl er nicht anders gespielt hat, genau das Gegenteil zu hören. Das zeigt, auf welch paradoxe Weise die Wahrnehmung von Gewinnen und Verlieren geprägt ist. Das hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun.
SPOX: Da würden Sie dann auf den Plan gerufen und würden den Trainer zur Vorsicht im Umgang mit so einem Spieler raten.
Boltersdorf: Der Trainer darf bestimmte Dinge von diesem Spieler nicht erwarten. Es kann sich aber durchaus lohnen, ihn zu pushen, während ich einen anderen, der eine starke Rache-Kampf-Ausprägung hat, nicht pushen darf, sonst sieht der nach fünf Minuten seine erste Gelbe Karte. Mit so einem Spieler muss ich wiederum daran arbeiten, sich während der 90 Minuten nicht zu sehr mit dem Thema Revanche zu beschäftigen.
SPOX: Apropos Revanche. Im Frühjahr spielten ständig Real Madrid und der FC Barcelona gegeneinander. Mir ist am stärksten das Hinspiel im Champions-League-Halbfinale in Erinnerung, weil es am wenigsten Fußball enthielt. Mit welchen Augen haben Sie dieses Spiel gesehen? Wie sehr würde es Sie reizen, die beteiligten Spieler einmal zu analysieren?
Boltersdorf: Je stärker wir in einer Situation emotionalisiert sind, umso deutlicher treten unsere Lebensmotive zutage. Sie liegen blank wie Kupferdraht. Ich kann leicht Impulse unterdrücken, z.B. aggressiv zu sein, wenn mir die Situation nicht wichtig ist. In so einem Spiel sieht man, was wirklich ist. Die Spieler sind auf dem Trip ihrer Persönlichkeit. Steuerungs- und Handlungsmöglichkeiten sind dann eingeschränkt und es gewinnt die Mannschaft, die ihre Persönlichkeit besser im Griff hat. Das Problem einer ganzen Reihe von Spielern von Madrid war, dass sie nicht mehr frei waren und ihre Stärken nicht mehr entwickeln konnten. Wenn ich das weiß, dann würde das unter Umständen dazu führen, dass ich einen Sergio Ramos in bestimmten Spielen nicht mehr einsetze. Das ist natürlich eigentlich völlig bescheuert, wenn ich über ein normales Spiel spreche. In so einer Extremsituation kann er aber vielleicht nur 70 Prozent Leistung liefern und dann ist das womöglich weniger als der Spieler hinter ihm, der sich vielleicht besser steuern kann.
Weiter auf Seite 3: Führungsspieler-Blödsinn und andere unausrottbare Klischees
Boltersdorf: Ich spreche gerne von Crunchtime, wobei der Begriff sich im Fußball nicht auf die Schlussphase eines Spiels beschränkt. Es geht darum, wer die Crunchtime besser im Griff hat und das sind in erster Linie Spieler, die psychisch besonders belastbar sind. Auch das wäre für mich ein Grund, bestimmte Spieler in einem Finale nicht einzusetzen, weil sie in wichtigen Situationen die Steuerungsfähigkeit verlieren. Ein Spieler sagt mir: 'Ich spüre beim Elfmeter mein Bein nicht mehr.' Den kann ich dann schlecht schießen lassen, auch wenn er theoretisch ein exzellenter Schütze ist. Aber wenn er sein Bein nicht mehr spürt...
SPOX: Würde es Sie reizen, mal einen Xavi oder Messi zu testen? Beide scheinen ja keine Probleme mit der Crunchtime zu haben...
Boltersdorf: Es gibt auch Spieler, die ihre Höchstleistung erst dann bringen, wenn's Stress gibt. Aber zu Ihrer Frage: Eigentlich nein, weil es zu eindeutig ist, was speziell diese Spieler ausmacht. Interessanter sind für mich Spieler, die eindeutig über ein überragendes Talent verfügen, dieses aber nicht nutzen können. Da interessieren mich die Gründe für die Blockade. Oft liegt es am Trainer. Man kennt das ja: Ein Spieler bekommt einen neuen Trainer und blüht plötzlich auf.
Wie funktioniert das Reiss Profile? SPOX hat den Selbstversuch gemacht
SPOX: An wen denken Sie da zum Beispiel?
Boltersdorf: Da möchte ich keinen Namen nennen, aber vergleichbar ist das Abschneiden der Frauen-Fußball-Nationalmannschaft. Die Spielerinnen hatten während der WM eine permanente Crunchtime und die Unterschiede in der Leistung zwischen Vorbereitung und dem Turnier selbst waren extrem groß. Das war sehr verblüffend.
SPOX: Inwiefern?
Boltersdorf: Die Mannschaft war allen Gegnern in der Vorbereitung physisch extrem überlegen, in der Robustheit, in der Schnelligkeit, in der Ausdauer. Es war faszinierend. Durch gewisse psychische Konstellationen war das bei der WM dann alles weg. Bei einzelnen Spielerinnen hätte mich das nicht überrascht, aber in dieser Gesamtheit sehr. Die Ursachen dafür würden mich sehr interessieren.
SPOX: Haben Sie einen Erklärungsansatz, der über die permanente Crunchtime hinausgeht?
Boltersdorf: Ich kann mir vorstellen, dass es für diese psychische Belastung keine Vorbereitung gegeben hat und diese Mannschaft eben zufällig sehr viele Spielerinnen hat, die nicht sehr stressstabil sind. Wenn man das dann nicht gewusst hat oder nichts dagegen gemacht hat, dann musste es so kommen.
SPOX: Sportjournalisten betätigen sich sehr gerne als Psychologen. Jetzt sage ich im Hinblick auf das Abschneiden der deutschen Frauen: Wo war denn da die Führungsspielerin? Warum hat da denn niemand mal dazwischengehauen? Was sagen Sie dazu?
Boltersdorf: Das ist großer Blödsinn. Es ist im Fußball doch so, dass es nur sehr geringe Einwirkungsmöglichkeiten gibt, wenn das Spiel einmal läuft. Da hat man im Handball oder Basketball ganz andere Möglichkeiten. Im Fußball müssen im Vorfeld Kommunikationsmöglichkeiten eröffnet werden, da müssen Gesten, Symbole oder Signale verabredet werden, sonst läuft das nicht. Es ist allerdings im Fußball offenbar auch nicht üblich. Es gibt manchmal Verletzungsunterbrechungen, die Minuten dauern und es finden dennoch keine Gespräche statt.
SPOX: Trainieren Sie diese Kommunikation während des Spiels auch?
Boltersdorf: Ja, natürlich und normalerweise haben alle Trainer die Aufgabe, sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit um bestimmte Spieler zu kümmern, weil diese von so einer Ansprache tatsächlich profitieren können. Es gibt Spieler, die permanent zur Trainerbank gucken und dann muss jemand da sein, der darauf achtet, dass dieser Spieler eine Reaktion bekommt. Kommt keine, wird dieser Spieler das immer negativ interpretieren. Also sorge ich dafür, dass jemand da ist, der reagiert, damit dieser Spieler nicht während des Spiels darüber nachdenken muss, ob ihn der Trainer noch mag.
SPOX: Der Begriff Motivation selbst wird auch gerne vielseitig und nicht immer richtig eingesetzt. Was heißt Motivation in Ihrem Verständnis?
Boltersdorf: Motivation heißt: Es lohnt sich für uns. Das Wichtigste ist die innere Belohnung, die aus uns selber kommt.
SPOX: Und da jedes Individuum anders tickt, gibt es unzählige Formen von Motivation.
Boltersdorf: Wenn ich als Belohnung brauche, dass ich herausgefordert werde, dass ich an Grenzen gehen muss, dann ist das bei einem Spiel gegen den Tabellenletzten zum Beispiel nicht gegeben. Dann muss ich versuchen, diesen Spielern den Sinn des Spiels auf einem anderen Weg zu vermitteln und dass sich das Arbeiten für den Sieg lohnt.
SPOX: Vor solche Probleme sind etwa Mannschaften wie der FC Bayern oder der FC Barcelona permanent gestellt. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, sind Siege Pflicht und eine Selbstverständlichkeit. Wie motivieren die sich?
Boltersdorf: Bei einer Reihe von Spielen wird es reichen, wenn diese Mannschaften nur 80 Prozent ihrer Leistung abrufen, weil sie einfach so weit weg sind vom Rest der Konkurrenz. Bei den Spielen, in denen das nicht reicht, muss es andere Dinge geben, die die Spieler als lohnend betrachten. Die gilt es aber, zu identifizieren und zu kommunizieren. Das könnte etwa so aussehen: ' Leute, denkt dran: Unsere Kinder sehen auch zu. Wenn wir nicht gut spielen, kriegen die das in der Schule zu hören.' Das könnte ein Punkt sein. Mein meiner Meinung nach effektivster Vorschlag ist übrigens noch nie angenommen worden, nämlich die zweite Mannschaft in bestimmten Spielen aufzustellen. Die ist auf jeden Fall heiß.
SPOX: Sie arbeiten seit zehn Jahren ausschließlich auf Basis des Reiss Profile und haben über 6000 Tests durchgeführt. Gibt es Ergebnisse, die Sie besonders verblüfft haben?
Boltersdorf: Unter all den Fußballern, die ich getestet habe, sind zehn Spieler, die zur Weltklasse gerechnet werden. Von diesen haben sechs beim Lebensmotiv Anerkennung einen hohen Wert. Das heißt: Sie sind unsicher und mit sich selbst im Grunde immer unzufrieden.
SPOX: Wie haben die es dann geschafft, sich durchzusetzen?
Boltersdorf: Wegen dieser Unzufriedenheit und Unsicherheit trainieren sie viel mehr und haben ein sehr großes Interesse an der eigenen Leistung. Und: Sie hatten in der entscheidenden Phase ihrer Karriere das Glück, einen Trainer zu haben, der sie positiv gefördert und nicht kritisiert hat. Es ist ein Klischee, dass ein selbstunsicherer Mensch in der Männerwelt Fußball nichts verloren hat. Ein reines Klischee.
Zurück auf Seite 1: Egoismus im Teamsport und der entscheidende Faktor
Meistgelesene Artikel
Das könnte Dich auch interessieren



