"Ich halte es wie Konfuzius"

Haruka Gruber
31. Dezember 201217:18
Treffpunkt Audi Dome: SPOX-Chefreporter Haruka Gruber interviewt Svetislav Pesic in seinem Bürospox
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Mit dem neuen Headcoach Svetislav Pesic kam die Wende: Die Bayern-Basketballer zelebrieren 100-Punkte-Galas, fahren den fünften Sieg in Folge und marschieren durch die BBL. Dennoch sieht sich der 63-Jährige weiter als "Visagist". Warum er stur bleibt. Warum er keinen Adam Morrison mehr will. Und was es mit Egon Coordes auf sich hat.

SPOX: Mitte Dezember sagten Sie in der "AZ", dass der FC Bayern jeden Tag "wie eine Frau geschminkt" werden müsse, um die Schwächen der Mannschaft zu verbergen. Wie viel Schminke ist noch nötig, nachdem die letzten fünf Spiele gewonnen und viermal über 100 Punkte erzielt wurden?

Svetislav Pesic: Wir sehen mittlerweile attraktiver aus als vor einigen Wochen, dennoch müssen wir uns jeden Tag in den Spiegel schauen und uns schminken. Bis aus dem FC Bayern eine natürliche Schönheit wird, kann es noch eine Zeit dauern.

SPOX: Ihr Gemütszustand scheint immer derselbe zu sein. Unabhängig davon, ob Sie Ihr erstes Spiel mit den Bayern in Berlin deutlich verlieren oder ob Sie wie zuletzt eine Basketball-Gala nach der anderen zelebrieren. Woher kommt die Gelassenheit?

Pesic: Aus dem Wissen heraus, wie im Basketball alles miteinander zusammenhängt. Ein Trainer muss wissen, was ihn motiviert. Bei mir ist es so, dass ich motiviert werde, wenn im Training die Spieler gut mitmachen und die Intensität hoch ist. Das ist bei uns der Fall, daher entwickele ich aus der Zufriedenheit eine innere Ruhe, die sehr wichtig ist, um wiederum der Mannschaft die richtige Einstellung mitzugeben. Ich weiß, dass wir nicht alles gewinnen können. Aber ich weiß, dass wir alles dafür getan haben.

SPOX: Nur gut und intensiv trainieren reicht für einen Bayern-Profi, um die Ansprüche des als sehr streng geltenden Pesic zu erfüllen?

Pesic: Was heißt "nur"? Ich erwarte von allen das Maximum an Einsatz. Ich habe in meiner Karriere so vielen Spielern gesagt, dass sie nicht hundertprozentig alles für den Erfolg geben und sie sich verbessern können. Die meisten haben es nicht verstanden und erst nach Jahren zugegeben: "Coach, jetzt weiß ich, was Sie damals meinten, es ist nur zu spät."

SPOX: Ein Beispiel?

Pesic: Bei meinem Sohn Marko lief es so. Ich wollte immer, dass er mehr Point Guard spielt, ihm selbst war es jedoch immer wichtiger, als Shooting Guard viele Punkte zu erzielen. Genauso Juan Carlos Navarro. Ich hatte ihn beim FC Barcelona als 22-Jährigen angefangen zu trainieren und ihm gleich geraten, dass er seine Fähigkeiten als Point Guard verbessert. Navarro antwortete nur: "Sorry Coach, im Training kann ich gerne die Eins übernehmen, im Spiel möchte ich auf der Zwei spielen und scoren." Dabei wollte ich die Spieler nur besser, auf einer gewissen Art auch reicher machen.

SPOX: Was sagen Ihr Sohn Marko Pesic, als Sportdirektor Ihr Vorgesetzter bei den Bayern, und Juan Carlos Navarro heute?

Pesic: Dass ich Recht hatte und sie besser auf mich gehört hätten. Ich bin überzeugt, dass sie noch erfolgreicher hätten sein können. Die Sportart hat sich entwickelt, es geht in die Richtung "Basketball total". Von allem wird mehr und mehr erwartet: mehr Intensität, mehr Schnelligkeit, mehr Sprungkraft, vor allem mehr Vielseitigkeit. Mittlerweile muss der Spitzenbasketballer mindestens zwei Positionen spielen können, um interessant und begehrt zu sein. Und der Spitzenbasketballer soll an sich selbst den Anspruch haben, jedes Jahr etwas Neues zu erlernen: einen neuen Move in der Offense, eine neue Aufgabe in der Defense, irgendwas. Das ist er alleine den Fans schuldig, die für ihn Eintrittskarten kaufen und sehen wollen, dass er sich bemüht.

SPOX: Genau dieses Bemühen wurde bei Ihrem ehemaligen Privatschüler Robin Benzing in den letzten beiden Jahren in Frage gestellt. Seit Sie die Bayern trainieren, wirkt er jedoch wie verwandelt und verzeichnet in den vergangenen 5 Spielen 17,0 Punkte und beachtliche 4,8 Rebounds im Schnitt. Steckt in ihm doch mehr als nur ein eindimensionaler Scorer?

Pesic: Robins Problem sind die großen Erwartungen. Dabei ist es Quatsch, in ihm den neuen Nowitzki oder Schrempf zu sehen. Ich hatte schon im Sommer mit der Nationalmannschaft den Eindruck, dass er sich entwickelt hat. Nur: Die Öffentlichkeit sollte verstehen, dass Robin etwas anders ist als die Gleichaltrigen auf dem Niveau, weil seine biologische und sportliche Uhr unterschiedlich ticken. Er ist zwar 23 Jahre alt, als Basketballer hingegen eher 21. Er wurde später als andere professionell gefördert.

SPOX: Trotzdem klang es ziemlich gewagt, als Sie sagten, dass Sie in Benzing einen zukünftigen Bayern-Anführer sehen.

Pesic: Ich traue ihm das zu, wobei er wissen muss, dass es mit Anstrengung verbunden ist. Wenn sein Wurf mal nicht fällt, darf er nicht nachlassen, sondern muss eben andere Qualitäten zeigen und mehr Defense spielen oder Rebounds holen. Wenn er das versteht und umsetzt, steigt sein Ansehen nach innen und nach außen automatisch. Ich bin gespannt.

SPOX: Sie betonen, dass Ihnen die Entwicklung der einzelnen Spieler wichtig ist und dass Sie jeden bis zu den Playoffs "20 bis 30 Prozent besser" machen wollen. Will das nicht jeder Trainer?

Pesic: Ein Trainer arbeitet in einem ständigen Spannungsfeld, weil der Druck so groß ist, kurzfristig gute Resultate zu erzielen. Ich bin allerdings stur und sage: Von dem Druck lasse ich mich nicht ablenken. Mit kurzfristigem Denken wird man mit viel Glück im ersten Jahr vielleicht Meister, danach kommt jedoch nichts mehr. Mit Kontinuität muss man anfangs vielleicht warten, dafür gibt es später mehrere Titel in Folge. Und Kontinuität erreicht man nur, wenn die Entwicklung der Spieler im Vordergrund steht. Ich halte es wie Konfuzius: "Ist man in kleinen Dingen nicht geduldig, bringt man die großen Vorhaben zum Scheitern."

Teil II: Pesic über Hoeneß, Coordes und einen möglichen Star-Zugang für die Bayern

SPOX: Kann der ungeduldige Präsident Uli Hoeneß etwas mit dem Konfuzius-Spruch anfangen?

Pesic: Mit ihm habe ich bisher nur über die aktuelle Situation gesprochen. Und das Ziel lautet, so schnell wie möglich sich von unten abzusetzen und unter den ersten Sechs zu etablieren. Von ihm gibt es definitiv kein Ultimatum. Wir müssen nicht das Finale erreichen oder den Titel gewinnen. Irgendwann, wenn die richtige Zeit gekommen ist, reden wir über die mittelfristigen Ziele.

SPOX: Erschreckte sich Herr Hoeneß nicht darüber, dass Sie in Ihrer Wortwahl an Jürgen Klinsmann erinnerten? Der in Unfrieden von den Bayern gegangene Fußball-Trainer hatte gesagt: "Ich will jeden Spieler jeden Tag ein bisschen besser machen." Eine Äußerung, die ihm bis heute nachhängt.

Pesic: Ich möchte Herrn Klinsmann nicht zu nahe treten, aber als er die Bayern übernahm, arbeitete er erst zwei Jahre als Trainer. Ich hingegen bin seit 30 Jahren in dem Job. Dass die Medien Parallelen zwischen uns sehen wollen, liegt wohl daran, dass in Deutschland alles mit dem Fußball in Zusammenhang gebracht wird.

SPOX: Drängt sich der Zusammenhang nicht bei den Bayern auf? Jetzt arbeitet mit Egon Coordes sogar ein Hoeneß-Vertrauter aus dem Fußball in Ihrem Trainerstab mit, um die Kondition der Basketballer zu verbessern. Eine Entscheidung, die für viele Basketball-Experten unverständlich ist.

Pesic: Wieso ist das unverständlich? Egon kommt einmal die Woche zu uns und die Spieler sind sehr zufrieden mit seiner Arbeit. In meinen zwei Jahren beim FC Barcelona ging ich genauso vor. Wir Basketballer hatten zwar unsere eigenen Ärzte, Physios und Konditionstrainer, gleichzeitig nutzten wir das Knowhow der Fußballer: Sie hatten einen Ernährungsexperten, einen Psychologen und einen Athletikexperten, der auf Fußarbeit und Balancegefühl spezialisiert war. Fußarbeit und Balancegefühl ist im Basketball genauso wichtig - warum also hätte ich ihn nicht um Rat fragen sollen? Egon ist genauso ein Experte - der außerdem genau weiß, was die Marke "FC Bayern" bedeutet und welche Erwartungen in Deutschland damit einhergehen.

SPOX: Unter anderem erwartet die BBL, dass mit Hilfe der Bayern der Rückstand zur spanischen Liga verkleinert wird. Wie gut ist die Bundesliga?

Pesic: Die Tendenz ist positiv: Mittlerweile hat fast jeder Klub eine neue Halle, ein professionelles Ticketing-Programm, einen eigenen Trainerstab, eine medizinische Abteilung. Das war vor 10, 15 Jahren nicht der Fall. Zwei zentrale Dinge haben sich leider nicht verändert. Erstens: Das Vertrauen in deutsche Spieler ist immer noch zu gering. Zweitens: Die meisten Ausländer sind immer noch mittelmäßig und bringen die Liga nicht voran.

SPOX: Ist das Weiterkommen von Bamberg und Berlin in die Top 16 der Euroleague sowie von Ulm in die Top 16 des Eurocups, dem Äquivalent zur Fußball-Europa-League, nicht ein Zeichen für die gestiegene sportliche Qualität der BBL?

Pesic: Wir sollten es nicht überbewerten. Die Erfolge sind respektabel, aber mit Alba standen wir schon 1998 unter den besten Acht. Das sollte der Anspruch der BBL sein.

SPOX: Artland verpflichtete mit Ryan Gomes einen gestandenen NBA-Profi im besten Alter. Sie selbst holten letztes Jahr Adam Morrison, ehemaliger Nummer-3-Pick, zu Roter Stern Belgrad. Wann bekommen die Bayern einen ähnlich prominenten Namen?

Pesic: Ehrlich gesagt ist für mich der Name völlig uninteressant. Adam Morrison hatte nur einen Namen, weil er von irgendjemandem irgendwann hoch gedraftet wurde. Am Ende entscheidet jedoch die Qualität - und die hatte bei ihm leider nicht ausgereicht. Adam ist ein offensiv sehr gut ausgebildeter Basketballer, der wegen gesundheitlichen Problemen zu selten trainieren konnte. So ein Spieler würde den Bayern nur bedingt weiterhelfen.

SPOX: Wie wäre es mit SPOX-Kolumnist Tibor Pleiß, um den im Internet plötzlich wilde Gerüchte über einen feststehenden Wechsel zu den Bayern erzählt wurden?

Pesic: Das waren wirklich wilde Gerüchte, die vermutlich nur aufkamen, weil wir bei der Nationalmannschaft gemeinsam einen guten Sommer erlebt hatten. Tibor traf mit dem Wechsel nach Spanien eine gute Entscheidung, besitzt bei Caja Laboral einen langen Vertrag und hat mit Zan Tabak den richtigen Coach an der Seite. Tabak hat es als europäischer Center in die NBA geschafft, von dieser Erfahrung wird Tibor profitieren. Er ist in Spanien gut aufgehoben. Dort kann er am besten lernen, wie es ist, sich im Ausland durchzusetzen.

SPOX: Grundsätzlich: Wie sind Sie in die Kaderplanung der Bayern für die kommende Saison eingebunden?

Pesic: Überhaupt nicht, ich denke nur an die Gegenwart. Mein Vertrag endet nach der Saison.

SPOX: Wie realistisch ist das Szenario, wonach Sie den Vertrag bei den Bayern auslaufen lassen und die deutsche Nationalmannschaft für die EM 2013 erneut übernehmen?

Pesic: Das ist ausgeschlossen. Der DBB traf die Entscheidung, auf Kontinuität zu setzen und Frank Menz zum Bundestrainer zu machen. Ich begrüße die Wahl. So jung ist Frank nicht mehr, die Zeit war also gekommen für die Herausforderung. Ich hoffe, dass die EM erfolgreich verläuft. Das Bundestrainer-Amt ist für jeden schwierig, wenn man nicht von den BBL-Coaches unterstützt wird. Wir müssen alle Frank helfen.

SPOX: Neben Menz wurde Triers Coach Henrik Rödl, einer Ihrer Lieblingsspieler zu Berliner Zeiten, als neuer Bundestrainer gehandelt. Enttäuscht, dass es nicht Rödl wurde?

Pesic: Ich finde, Hendrik hätte es auch machen können. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Warum sollte Hendrik nicht irgendwann Frank als Bundestrainer beerben?

Bayern auf Playoff-Kurs: Die BBL im Überblick