Dass die Entlassung von Markus Gisdol beim 1. FC Köln ein paar Wochen, wenn nicht gar Monate, zu spät kommt, ist klar. Doch der nun ehemalige Trainer trägt nicht den Hauptteil der Verantwortung am katastrophalen Absturz der Domstädter in dieser Saison. Denn es waren Sportdirektor Horst Heldt und die ihn kontrollierenden Gremien, die den Klub sehenden Auges ins Verderben manövrierten. Ein Kommentar.
Als der 1. FC Köln vor drei Jahren zum sechsten Mal in seiner Geschichte aus der Bundesliga abstieg, sprach der damalige Vizepräsident Toni Schumacher noch von einem "Unfall". Also etwas, auf das man sich nicht vorbereiten und schlichtweg nicht verhindern konnte.
Sollte dies nach dem 34. Spieltag jemand aus dem Kölner Vorstand oder der Geschäftsführung im Falle des siebten Abstiegs noch einmal wiederholen, wäre das nichts anderes als eine glatte Lüge. Denn es gab zahlreiche Alarmglocken, die jedoch trotz schrillen Klangs überhört, ja gar ignoriert wurden.
Die Verantwortlichen verschlossen die Augen zu lange vor der sportlichen Talfahrt. Weil Markus Gisdol mit dem Klub vor der Corona-Unterbrechung eine Serie startete und ihn in der vergangene Saison vor dem Abstieg rettete, wurde er von Horst Heldt mit einer vorzeitigen Vertragsverlängerung belohnt - obwohl da schon zu erkennen war, dass der Gisdol-Aufschwung längst verpufft war.
Oder war es nicht so, dass Köln keines der neun Spiele nach dem Corona-Restart im Mai gewann und das letzte gar nach einem blamablen, wettbewerbsverzerrenden Auftritt gegen abstiegsbedrohte Bremer mit 1:6 verlor? Die Anzeichen, dass es mit Gisdol und Köln auf lange Sicht nichts werden würde, waren also schon damals vor fast einem Jahr erkennbar - und sie wurden im Laufe der Zeit immer deutlicher.
Heldt beim 1. FC Köln: Ein kaderplanerisches Armutszeugnis
Dass Heldt nicht handelte und an seinem Freund Gisdol festhielt, als es auch im Herbst keinerlei Andeutungen von spielerischen Entwicklungen der Mannschaft gab, es nach der kurzen Winterpause eine 0:5-Pleite in Freiburg setzte und selbst Schalke-Spieler sich ungläubig fragen mussten, wie man gegen diese Kölner Mannschaft Ende Januar verlieren konnte, ist die eine Seite seiner und grundsätzlich auch der Verfehlungen sämtlicher Gremien in Köln.
Die andere Verfehlung Heldts ist die, dass der 51-Jährige versagt hat, im Sommer eine konkurrenzfähige Bundesliga-Mannschaft zusammenzustellen. Dass dem so ist zeigt gerade die Besetzung der Stürmerposition. 15 Millionen Euro Investitionsvolumen sind für einen klammen Verein wie Köln - den Status hat der Verein besonders Heldts Kollege in der Geschäftsführung Alexander Wehrle zu verdanken, der zu Beginn der Coronavirus-Pandemie beispielsweise von vier Geisterspielen ausging und entsprechend die Finanzen plante - eigentlich mehr als üppig.
Sieben Millionen Euro davon investierte Heldt in Sebastian Andersson, der über vier Monate mit Knieproblemen ausfiel. Vier Monate, in denen der Effzeh phasenweise mit Marius Wolf oder Ondrej Duda im Zentrum spielte. Ein kaderplanerisches Armutszeugnis, das Heldt mit der Verpflichtung von Emmanuel Dennis vom FC Brügge im Winter zu korrigieren versuchte.
Ein Spieler der zwar grundsätzlich zu der Idee von Gisdols Spiel passt, aber Wochen zuvor selbst über sich sagte, kein Mittelstürmer zu sein, war alles, was Heldt als Lösung anbot. Dass Gisdol Dennis vor seinem letzten Spiel als Köln-Trainer dann auch noch aus dem Kader strich, spricht Bände.
Gisdol war in Köln 134 Tage ein Trainer-Zombie
Die zweite Saisonhälfte des 1. FC Köln verkam zu einer spielerischen und kommunikativen Farce. Während Heldt nach und nach auch die x-te Möglichkeit, Gisdol zu entlassen verstreichen ließ, wurden stattdessen Woche für Woche intern (und extern im Boulevard) Endspiele für den Trainer ausgerufen, die dieser dann überraschend erfolgreich bestritt. Doch weil die Erfolge nie nachhielten, taumelt Köln mehr denn je dem Abstieg entgegen.
Gisdol kann einem in diesem Zusammenhang fast schon leidtun, selbst wenn auch er keinen Ausweg aus der Krise fand und die mit wenigen Ausnahmen spielerische Stagnation besonders ihm anzulasten ist. Er war seit dem 28. November des vergangenen Jahres, dem überraschenden 2:1-Sieg in seinem ersten Endspiel über den BVB, eine Art Trainer-Zombie.
Und es spricht für die Realitätsverweigerung von Heldt, aber auch für die offenkundige Handlungsunfähigkeit und Inkompetenz seiner Kontrollgremien, dass Gisdol das bis zum 11. April - also 134 Tage lang - bleiben durfte. Ein Klassenerhalt unter Nachfolger Friedhelm Funkel wäre mittlerweile nicht mehr als ein Zufallsprodukt. Und selbst wenn dieser Fall eintritt, ist Horst Heldt in der Domstadt nicht mehr tragbar.
Bundesliga-Tabelle: 1. FC Köln droht der siebte Abstieg
Platz | Team | Sp. | Tore | Diff | Pkt. |
11. | FC Augsburg | 28 | 29:42 | -13 | 32 |
12. | TSG Hoffenheim | 27 | 41:47 | -6 | 30 |
13. | Werder Bremen | 28 | 32:43 | -11 | 30 |
14. | 1. FSV Mainz 05 | 28 | 30:48 | -18 | 28 |
15. | Hertha BSC | 28 | 34:48 | -14 | 26 |
16. | Arminia Bielefeld | 28 | 22:46 | -24 | 26 |
17. | 1. FC Köln | 28 | 27:50 | -23 | 23 |
18. | Schalke 04 | 28 | 18:71 | -53 | 13 |
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