"Es ist kein Rumgeeiere bei Veh"

Jochen Tittmar
15. Januar 201411:16
SPOXgetty
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Heribert Bruchhagen ist nun seit zehn Jahren bei Eintracht Frankfurt. Der Vorstandsvorsitzende spricht im Interview über die Zeit nach seinem Ausscheiden bei der SGE, die überzogene Erwartungshaltung an die deutsche Nationalmannschaft und die Zukunft von Trainer Armin Veh.

SPOX: Herr Bruchhagen, 2016 sind Sie 67 Jahre alt und werden nicht mehr Vorstandsvorsitzender von Eintracht Frankfurt sein. Und dann?

Heribert Bruchhagen: Ich werde ganz sicher nicht mehr bei der Eintracht im Tagesgeschäft involviert sein. Was darüber hinaus passiert, davon habe ich aktuell überhaupt keine Ahnung. Es wäre allerdings ungewöhnlich, wenn ich dann nicht mehr einen Fußballplatz betreten würde. Das Spektrum ist weit gefasst. Vielleicht werde ich C-Jugend-Trainer der TSG Harsewinkel oder Funktionär.

SPOX: Freuen Sie sich schon auf diese Zeit?

Bruchhagen: Nein, überhaupt nicht. Ich muss wie jeder andere auch erst einmal lernen, mit der dann nicht mehr täglichen Pflicht, von 9 bis 18 Uhr bei der Arbeit zu sein, umzugehen.

SPOX: Denken Sie, das kriegen Sie ohne Schwierigkeiten hin?

Bruchhagen: Das weiß ich nicht. Sind wir ehrlich: Wer weiß das schon? Sie auch nicht.

SPOX: Nein. Man wird in kleinen Schritten anfangen müssen.

Bruchhagen: Ich habe aber keine Briefmarkensammlung und spiele auch nur mittelmäßig Schach.

SPOX: Nach mehr als 40 Jahren in dieser Branche werden Sie aber eine gewisse Vorstellung des Lebens danach haben, oder nicht?

Bruchhagen: Ich werde nicht in die Leere tapsen, auch wenn meine Frau und die Kinder in Hamburg leben. Ich weiß auch noch überhaupt nicht, ob ich in Frankfurt bleiben werde. Es gibt diesbezüglich noch ganz viele Fragezeichen. Ich beschäftige mich ehrlich gesagt auch nicht besonders intensiv damit, es dauert ja auch noch zweieinhalb Jahre. Nach einem langen Berufsleben habe ich auch durch die Wirtschaftlichkeit des Bundesligajobs alle Freiheiten. Die werde ich schon irgendwie sinnvoll nutzen.

SPOX: Was sagt denn Ihre Frau zu der Aussicht, Sie bald häufiger sehen zu können?

Bruchhagen: Sie hat das gleiche Problem. Sie muss sich erst einmal wieder an mich gewöhnen, auch wenn wir seit 40 Jahren miteinander verheiratet sind. Diese Fragen stellen wir uns natürlich auch, aber wir lachen beide drüber. Wir sind es nicht gewohnt, den gesamten Tag miteinander zu verbringen, weil jeder sein eigenes Berufsleben hat. Aber wir gehen das Thema sozusagen mit einem Augenzwinkern an. Bundesliga Spielplaner - Der Tabellenrechner von SPOX.com

SPOX: Hinter Ihnen liegt mal wieder ein intensives Jahr mit vielen Reisen und Terminen. Wie sehr leidet da die persönliche Regeneration?

Bruchhagen: Ich habe null Verschleißerscheinungen. Mir tut die Hüfte weh, aber ansonsten habe ich nichts. Das Wort Stress lehne ich ab. Das gibt es nicht, wenn man im Fußball tätig ist. Ich laufe zweimal in der Woche zehn Kilometer. Inzwischen brauche ich dafür 70 Minuten. Es gab mal Zeiten, da habe ich nur 50 Minuten gebraucht und nun muss ich alle zwei Jahre eine Minute drauf rechnen. Ich spiele auch hin und wieder in der Altligamannschaft mit. Wenn es 3:0 für uns steht, dann wechseln Bernd Hölzenbein und ich uns ein und haben Spaß.

SPOX: Man wird also nicht zumindest einmal teilweise müde von diesem Beruf?

Bruchhagen: Nein, ich jedenfalls nicht. Ich freue mich auf jede Reise und jedes Spiel. Seit meinem fünften Lebensjahr habe ich mit meinem Bruder von morgens bis abends Fußball gespielt. Das ging natürlich irgendwann nicht mehr, aber wenn ich am Main entlang zur Arbeit fahre, dann freue ich mich. Verlieren wir in der 90. Minute mit 0:1, dann freue ich mich nicht. Dennoch habe ich mein alleiniges Hobby zum Beruf machen können - etwas Schöneres gibt es nicht.

SPOX: Wenn Sie zurückblicken auf Ihre Anfänge als Manager: Wie schwer fiel es Ihnen damals, demokratisch zu sein?

Bruchhagen: Das Hauptproblem meines Berufes ist, dass man nie sagen darf: Das kann oder das weiß ich nicht. Man muss sich nach außen immer als Herrscher aller Reußen darstellen. Egal, ob das eine Entscheidung für einen Trainer, einen Spieler, gegenüber Vorstandsmitgliedern oder Mitarbeitern betrifft: Von einem Fußball-Manager wird erwartet, entscheidungsfreudig und klar strukturiert zu sein. Das sieht das Rollenspiel einfach vor.

SPOX: Und wie sieht es in einem selbst aus?

Bruchhagen: Die Realität ist natürlich eine andere. Man ist oft unentschlossen und von Zweifeln geplagt, hat aber nicht die Möglichkeit, das zu legitimieren.

SPOX: Was war der schlimmste Fehler, den Sie je begangen haben?

Bruchhagen: Der Wechsel von "adidas" zu "uhlsport" während meiner Zeit beim Hamburger SV war zwar aus Sicht des Vereins wirtschaftlich sinnvoll, hat mir jedoch politisch so sehr geschadet, dass ich unter dem Strich trotz eines guten Tabellenplatzes meinen Posten räumen musste.

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SPOX: Am 1. Dezember 2013 haben Sie Ihr zehnjähriges Jubiläum in Frankfurt gefeiert. Können Sie in Schlagworten aufzählen, was heute noch von der Eintracht übrig ist, die Sie 2003 übernommen haben?

Bruchhagen: Die Wechselhaftigkeit, die auch im Misserfolg unglaubliche Fan-Treue sowie die nicht zu erfüllende Erwartungshaltung der Stadt.

SPOX: Was sich jedoch markant verändert hat in dieser Zeit ist das Gesamtpaket, in das der Fußball mittlerweile eingebettet ist. Ist das noch der Fußball, wie Sie ihn sehen möchten?

Bruchhagen: Das weiß ich nicht, darum geht es mittlerweile auch längst nicht mehr. Es hat sich mit den Jahren einfach eine unglaubliche Veränderung ergeben. Vor zehn Jahren hatten wir noch 25 Mitarbeiter, jetzt sind es 100. Unser Etat lag damals bei 24 Millionen Euro, nun stehen wir bei über 80 Millionen. SPOX

SPOX: Auch alle anderen Klubs haben in dieser Zeit extrem expandiert. Wieso ist dennoch die Spreizung der Einnahmen so auseinander gegangen?

Bruchhagen: Es ist das leidige Thema: Die Lizenzspieleretats innerhalb der Bundesliga haben sich erweitert und weisen dazu noch alle drei Jahre eine erheblich größer werdende Unterschiedlichkeit auf. Damit ist das sportliche Ranking immer mehr vorgegeben. Ich kann diese Problematik, die ich seit 20 Jahren predige, aber nicht immer wiederholen und damit polarisieren. Zu diesem Thema habe ich längst alles gesagt und so verfahre ich jetzt schon seit einem Vierteljahr.

SPOX: Es ist letztlich die Aufgabe von DFL-Geschäftsführer Christian Seifert, den Wettbewerb innerhalb des Bundesliga zu stärken. Andererseits möchte er die Bundesliga im Ausland verständlicherweise besser vermarkten.

Bruchhagen: Christian Seifert befindet sich da natürlich auch in einer Zwickmühle. Das ist durchaus nachvollziehbar. Ich bin auch überzeugt davon, dass er meine Argumentation versteht, weil er sehr intelligent ist.

SPOX: Auf eine gewisse Weise darf er sie aber nicht verstehen.

Bruchhagen: Genau, weil er ein Champions-League-Finale zwischen Borussia Dortmund und Bayern München für die internationale Vermarktung braucht. Langfristig gedacht, wenn ich längst nicht mehr im Amt sein werde, wird man meine Argumentation hundertprozentig aufgreifen.

SPOX: Die Entwicklung der Bundesliga hat auch dazu beigetragen, dass die deutsche Nationalmannschaft auf einen großen Kreis an Top-Spielern zurückgreifen kann. Teilen Sie die weit verbreitete Meinung, dass nun bei der WM auch der Titel her muss?

Bruchhagen: Ganz und gar nicht. Ich finde es anmaßend, arrogant und überheblich wenn nach 18 Jahren ohne Titel nun alle fordern, im Sommer Weltmeister werden zu müssen. Wir haben eine tolle Nationalmannschaft, aber was glauben wir denn, wer wir sind? Andere Länder wie Brasilien, Argentinien, Spanien oder Italien haben doch auch einen Anspruch. Wir sollten die Unwägbarkeit eines Fußballspiels nie vergessen.

SPOX: Die hat auch die Eintracht in der Hinrunde spüren müssen. Es gab einige Punktverluste in der Endphase mancher Partien, man ist in der Tabelle weit abgerutscht.

Bruchhagen: Ich hätte schon geglaubt, dass wir mehr Punkte haben. Wir befinden uns jetzt in der Situation, die beispielsweise der dreifach belastete VfB Stuttgart im letzten Jahr durchgemacht hat. Es war mir von vornherein klar, dass der sechste Platz in der Vorsaison ein positiver Ausreißer war. Im Endeffekt haben wir nun eine normale Schwankungsbreite. Wir müssen aber natürlich jetzt schauen, dass wir wieder in die Spur finden.

SPOX: Sebastian Rode wird den Verein im Sommer zu verlassen, die Verträge von Alex Meier und Trainer Armin Veh laufen aus. Was wird passieren?

Bruchhagen: Spieler, die bei uns auf sich aufmerksam machen, werden vom Markt aufgesogen und haben bei anderen Vereinen dann die Möglichkeit, besser dotierte Verträge zu unterschreiben - siehe das Beispiel Sebastian Rode. Da wir nicht bereit sind, auch nur einen Cent Schulden zu machen, können wir nicht jeden Kampf um Spieler gewinnen. Dann müssen wir von unten wieder welche nachholen, wir müssen uns ständig erneuern. Auch 2014.

SPOX: In der letzten Saison gab es eine lange Hängepartie um Veh. Diesmal wieder?

Bruchhagen: Es ist kein Rumgeeiere bei Armin Veh. Wir können uns täglich zusammensetzen, damit er seinen Vertrag unterschreiben kann. Er hat aber natürlich auch das persönliche Recht, seine Entscheidung zu treffen, wann er möchte und sich nicht unter Zeitdruck setzen zu lassen. Das gebietet der Respekt vor ihm.

SPOX: Die Diskussionen keimen jedes Jahr auch deshalb aufs Neue auf, weil immer Einjahresverträge abgeschlossen werden.

Bruchhagen: Das ist auch überhaupt keine schlechte Vorgehensweise. Ich habe in zehn Jahren bei Eintracht Frankfurt mit unseren Trainern immer nur Einjahresverträge abgeschlossen. Mit der Konsequenz, dass ich in dieser Zeit nur einmal drei Monate lang eine Abfindung an Michael Skibbe zahlen musste.

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