Am Donnerstag hat an fünf Orten in Deutschland die Kinopremiere von "Being Mario Götze" stattgefunden. Peter Hyballa ist zu diesem Anlass extra aus der Slowakei nach München gereist.
Im Interview mit SPOX und GOAL sprach Götzes Förderer über die Entwicklung des Weltmeisters von 2014, die jüngere Trainergeneration, einen Job als Barkeeper und den Götze-Film, den es als vierteilige Doku auf DAZN zu sehen gibt.
SPOX/GOAL: Herr Hyballa, Sie sind seit Mitte Juli Trainer in der Slowakei beim FC Dujnaska Strejda. Wie sind Ihre ersten Erfahrungen?
Peter Hyballa: Sehr gut. Der Klub wird seit drei Jahren von einem ungarisch-slowakischen Eigentümer geführt. Wir haben ein super Trainingszentrum und eine ganz junge Mannschaft, für die ein entsprechender Trainer gesucht wurde. Nach elf Spielen haben wir nur eine Niederlage und sind drei Punkte hinter dem Tabellenführer Slovan Bratislava auf Platz zwei. Es macht mir Riesenspaß und ich hoffe, es geht so weiter.
SPOX/GOAL: Wie kann man die Liga sportlich einordnen?
Hyballa: Vom Niveau her ist das so obere zweite Bundesliga. Wir haben zwölf Nationalspieler und U21-Nationalspieler aus der ganzen Welt, da sind schon gute Spieler dabei. Ich bin mir ganz, ganz sicher, dass der ein oder andere von denen nächstes Jahr in der Bundesliga oder vielleicht sogar in der Premier League spielen wird. Etwa unser Innenverteidiger Lubomir Satka oder unser Mittelstürmer Vakoun Issouf Bayo, der jetzt sein Debüt für die Elfenbeinküste gefeiert hat.
gettySPOX/GOAL: Trotz der Vorbereitung auf die Liga sind Sie extra für nicht mal 20 Stunden nach München gekommen, um bei der Kinopremiere von "Being Mario Götze" in München dabei zu sein. Weil das Thema und der Mensch Mario Götze Ihnen wichtig sind?
Hyballa: Wegen Mario Götze und auch Regisseur Aljoscha Pause, den ich sehr sympathisch finde. Und mit Mario habe ich ja zweieinhalb Jahre in der U19 von Borussia Dortmund zusammengearbeitet. In der Jugend ist das Verhältnis zwischen Trainer und Spieler noch sehr viel enger. Den ganzen Zirkus drumherum gibt es nicht, dafür ist neben den Inhalten die Empathie sehr wichtig.
SPOX/GOAL: Wie finden Sie den Film?
Hyballa: Er hat mir gefallen, nur ab und zu kam er mir sehr düster vor. Manchmal hat er mich mehr an so Krimis aus Skandinavien erinnert. Aber diese Kontraste zwischen Triumph und Tristesse, die es bei Mario ja gab und gibt, machen ja einen Film aus.
SPOX/GOAL: Ist die Fallhöhe bei Götze deshalb so hoch, weil man mehr als Matchwinner im WM-Finale eigentlich nicht erreichen kann?
Hyballa: Kann sein, ich sehe das aber nicht als Hauptproblem. Aus meiner Sicht ist die Fallhöhe so hoch wegen der Außenbetrachtung seiner Person durch die Menschen. Andy Brehme hat 1990 auch den Siegtreffer im WM-Finale für Deutschland geschossen, der wurde aber nicht ständig so rasiert wie Mario. Ich glaube, das hat mehr mit seinem Typ zu tun: Ein bisschen introvertiert, nicht immer Everybody's Darling. Du kommst einfach nicht so an ihn ran wie an andere Spieler.
SPOX/GOAL: Wie war denn Ihr erstes Kennenlernen?
Hyballa: Unser damaliger Nachwuchs-Torwarttrainer Matthias Kleinsteiber, der auch das BVB-Jugendinternat geführt hat, hat mich auf ihn aufmerksam gemacht. Und dann kam so ein kleiner pummeliger Typ zu uns, aber der hat einfach fast alles richtig gemacht. Ich bin eigentlich im Training immer sehr emotional dabei, aber als ich das gesehen habe, war ich eine Zeit lang ziemlich ruhig. Danach habe ich den damaligen U17-Trainer angerufen und gesagt: Der kommt nicht mehr zu euch zurück.
SPOX/GOAL: Wie ging es dann weiter?
Hyballa: Wir haben damals eine Riesensaison gespielt, standen in den Endspielen um die Meisterschaft und den Pokal. Mario war sehr schnell ein wesentlicher Bestandteil des Teams, hat auf der 10 und auf außen gespielt. Man hat damals schon gesehen, was für unfassbare Qualitäten er besitzt. Er sieht Räume, hat eine herausragende Technik und wahnsinniges Talent. Wir haben zum Beispiel im Trainingslager mal einen Triathlon gemacht, da ist er auch allen anderen davon geschwommen. Da habe ich gedacht: Was kann der eigentlich nicht? Man muss aber eins dazu sagen.
SPOX/GOAL: Was?
Hyballa: Seine Entwicklung kommt nicht allein vom lieben Gott, sondern auch die Jugendabteilung von Borussia Dortmund hat einen sehr großen Anteil. Weil die Trainer damals beim BVB auch einen sehr schroffe, direkte Art hatten, wie es im Ruhrgebiet irgendwo dazu gehört. Und diese Ansprache war für Mario genau richtig. Ein Sensibelchen muss man nicht immer sensibel anpacken, sondern manchmal genau kontraproduktiv anpacken, um das Optimum herauszuholen.
SPOX/GOAL: Götze hat dann eine rasante Entwicklung genommen, bis hin zum Siegtor im WM-Endspiel. Vorher gab es den schon legendären Spruch von Jogi Löw: "Jetzt zeig der Welt, dass Du besser bist als Messi." Daran haben Sie auch einen entscheidenden Anteil, oder?
Hyballa: Schwieriges Thema für mich, weil ich nichts dafür kann, dass diese Geschichte öffentlich wurde. Aber sie stimmt. Sie steht im Buch "One Touch" von Claus-Peter Niem und Karin Helle, die mit ihrer Agentur Coaching for Coaches mit ganz vielen Leuten aus der Fußballszene zusammenarbeiten, unter anderem auch mit Jogi Löw und Oliver Bierhoff. Ich arbeite auch mit ihnen, daher haben wir einen Tag vor dem Endspiel miteinander telefoniert. Und da haben wir uns natürlich auch über das Finale unterhalten.
SPOX/GOAL: Und zwar?
Hyballa: Ich wusste, dass Mario total frustriert war, weil er beim 7:1 gegen Brasilien nicht zum Einsatz gekommen war. Daher habe ich mich an eine Situation mit ihm als U19-Coach beim BVB erinnert: Wir hatten 2008 ein Spiel gegen den VfL Bochum, in dem ich Mario wegen schlechter Trainingsleistungen auf der Bank gelassen habe und er entsprechend sauer war. Beim Stand von 0:2 habe ich ihn dann eingewechselt und zu ihm gesagt: "Jetzt zeig mal allen, dass Du das Wunderkind bist." Er hat zwei Tore gemacht und zwei Assists gegeben und wir haben 4:3 gewonnen. Deshalb habe ich in dem Telefonat gesagt, sie sollen das an Jogi Löw weitergeben: Wenn es eng wird, kann man ihn als Joker von der Bank bringen, aber er muss ihm noch einen solchen, motivierenden Satz mitgeben. Das haben sie per Mail weitergegeben und es hat ja offenbar geklappt.
SPOX/GOAL: Seit dem WM-Triumph zeigt die Leistungskurve bei ihm allerdings eher abwärts, unter Lucien Favre war er meist nur zweite Wahl. Was kann er tun, damit es wieder aufwärts geht?
Hyballa: Ich will ihm keine Tipps geben, das steht mir nicht zu. Er muss einfach weitermachen und vielleicht auch ein bisschen lockerer werden. Es gibt ja auch noch andere Dinge im Leben als Fußball. Aus meiner Außensicht sehe ich nur zwei Möglichkeiten: Entweder, er setzt sich bei Borussia Dortmund durch oder er geht ins Ausland. Aber es ist natürlich auch Kopfsache.
SPOX/GOAL: Inwiefern?
Hyballa: Er hört natürlich seit Jahren: Du bist der Beste, du bist der Tollste. Und er hat damals schon gesagt, dass er sich bei den besten Klubs der Welt sieht. Von daher hat er sich immer schon selber den meisten Druck gemacht. Das zeigt ja auch der Film. Er ist ein Perfektionist, aber dieser Anspruch zermürbt einen auch.
SPOX/GOAL: Aber das Fußball spielen hat er nicht verlernt?
Hyballa: Nein, spielen kann er immer noch. Aber er braucht offenbar den richtigen Trainer. Ich habe früher immer gedacht, Mario spielt in jeder Mannschaft. Doch anscheinend braucht er schon einen Freigeist-Trainer und keinen Struktur-Trainer. Mario ist selber ein Freigeist und mit so einem Spieler musst du vor allem viel sprechen. Und das verstehen nicht alle Trainer. Gerade in Deutschland.
SPOX/GOAL: Woran liegt das aus Ihrer Sicht?
Hyballa: Die junge Generation ist inhaltlich und fachlich überragend. In der Theorie sind die viel besser als wir, aber meine Generation ist beim Coachen auf dem Feld viel besser. Was uns fehlt, sind Querdenker, Trainer aus der Wildnis, die ein paar Mal entlassen worden sind. Diese Hermann-Gerland-Typen, die nicht direkt von der Uni kommen. Die können dann vielleicht kein PowerPoint oder Excel-Tabellen machen. Aber du brauchst in der Jugend auch ein paar von diesen Old-School-Typen, die echten Fußball riechen und schmecken. Ich glaube, dass der deutsche Fußball da ein Problem hat. Wir sind ein total stromlinienförmiges Land und spielen stromlinienförmigen Fußball. Also müssen wir taktisch noch besser werden, besser als alle anderen.
SPOX/GOAL: Und deshalb haben es Freigeister wie Götze oder auch Leroy Sane so schwer?
Hyballa: Es wird immer nach solchen Spielertypen gerufen, gerade nach dem WM-Aus. Aber ich glaube, eigentlich will man gar keine Individualisten - weder bei den Spielern noch bei den Trainern. Die Nachwuchsleistungszentren sind wie Studenten-WGs geworden: sehr akademisch, sehr intellektuell, sehr nett. Wenn ich bei Trainer-Fortbildungen mal so rede, wir mir der Schnabel gewachsen ist, kriegen manche rote Ohren. Aber ich finde, durch direkte Ansprache und Konflikte wird ein Spieler auch besser. Bei Mario Götze bin ich davon jedenfalls total überzeugt.
SPOX/GOAL: Sie hätten das als Trainer-Ausbilder beim DFB ändern können, haben aber nach wenigen Wochen aufgehört, um in die Slowakei zu gehen.
Hyballa: Ich habe beim DFB einfach eine eigene Mannschaft, den Platz und das Stadion vermisst, das habe ich mir vorher nicht eingestehen wollen. Und ich war nur einer von mehreren Ausbildern, aber nicht der Chef. Und wenn du in Deutschland etwas verändern willst, musst du einen Titel haben und erster Mann sein. Da war ich vielleicht auch zu ungeduldig, aber ich bin eben eher der Typ Häuptling. Deshalb würde ich auch nicht mehr als Assistent unter einem Chefcoach arbeiten.
SPOX/GOAL: Dann lieber arbeitslos?
Hyballa: Na ja... Nachdem ich in Nijmegen entlassen worden bin, hatte ich wirklich fast jeden Monat ein Vorstellungsgespräch - in Belgien, in Lettland, in Saudi-Arabien, in China, zweite Liga in Deutschland und England. Aber ich wurde nie genommen. Da war ich schon verzweifelt und habe überlegt, aus dem Fußball auszusteigen.
SPOX/GOAL: Und als Barkeeper zu arbeiten?
Hyballa: Nein. (lacht) Aber ich weiß, worauf Sie anspielen: Ich habe in Malta eine längere Trainerfortbildung gegeben und mein Vermieter dort hatte einen Pub und hat gefragt, ob ich da aushelfen kann. Habe ich gemacht. Morgens Jugendliche trainiert, mittags Trainerfortbildung gegeben, abends in der Kneipe gearbeitet. Aber auf Dauer ist das keine Alternative für mich.
SPOX/GOAL: Das heißt, Ihr großes Ziel bleibt weiter ein Job in der Bundesliga?
Hyballa: Ich bin ja halber Holländer, von daher wären neben der Bundesliga auch die Eredivisie oder England sehr interessant. Aber ich setze mich da nicht mehr unter Druck wie zu Beginn meiner Laufbahn. Ich würde es gerne machen, aber wenn es nicht klappt, verfalle ich nicht in Depressionen.