"Beim BVB war Sammer kamerascheu"

Johannes Heiming
18. April 201611:41
Uwe Neuhaus (r.) an der Seite von Matthias Sammer (M.) und Udo Lattekimago
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Dynamo Dresden ist zurück in der 2. Liga! Souverän hat sich die SGD in dieser Saison den Aufstieg gesichert. Trainer Uwe Neuhaus spricht im Interview über seine bewegte Zeit bei Borussia Dortmund, Neuhaus-raus-Rufe und erklärt, was ihn an der Trennung von Union Berlin noch heute ärgert.

SPOX: Herr Neuhaus, 1993 begann Ihre Trainer-Karriere bei der SG Wattenscheid 09, anschließend trainierten Sie noch den VfB Hüls in der Oberliga. 1998 folgte der große Sprung in die Bundesliga zu Borussia Dortmund, wo Sie Assistenztrainer von Michael Skibbe wurden. Wie kam's?

Uwe Neuhaus: Ich lernte Michael Skibbe beim Fußballlehrer-Lehrgang kennen und wir waren uns sofort sympathisch. Er war ja damals bereits beim BVB angestellt, deshalb meinte ich zu ihm, er solle mir Bescheid sagen, wenn in Dortmund im Amateur- oder Jugendbereich etwas frei würde.

SPOX: Und wann kam dann der Anruf?

Neuhaus: Am Montag nach dem letzten Saisonspiel mit Hüls. Wir hatten gerade den Klassenerhalt gefeiert, ich war noch nicht hellwach. Bei diesem Gespräch waren auch Präsident Gerd Niebaum und Manager Michael Meier dabei, weshalb mir klar war, dass es nicht um einen unbedeutenden Job gehen konnte. Das Angebot, als Co-Trainer einzusteigen, war für mich damals etwas sehr Besonderes. Ich sagte sofort zu - ohne über Zahlen geredet zu haben.

SPOX: Wie war es für Sie, plötzlich mit gestandenen Spielern im deutschen Oberhaus zu arbeiten?

Neuhaus: Ich glaube, dass ich mich ganz gut geschlagen habe. (lacht) Wir hatten einen Kader von über 30 Spielern, viele davon feierten bereits große Erfolge. Es gab an jedem Wochenende mehr unzufriedene als zufriedene Spieler. Das war ein richtiges Haifischbecken, in dem man sich bewegt hat. Doch weder Michael noch ich hatten ein Autoritätsproblem, auch wenn es natürlich schwieriger ist, Spieler von seinen Ansichten zu überzeugen, wenn man sich noch keinen Namen gemacht hat. Die vorherigen Trainer hießen schließlich Ottmar Hitzfeld und Nevio Scala.

SPOX: Im Februar 2000 musste Skibbe gehen, Sie blieben Co-Trainer unter Bernd Krauss.

Neuhaus: Ich hätte auch mit ihm gemeinsam aufhören können, aber das wäre verrückt gewesen. Es war ein Privileg, in einem solchen Verein arbeiten zu dürfen.

SPOX: Nach dem kurzen Krauss-Intermezzo kam das Duo Udo Lattek und Matthias Sammer, um den BVB zum Klassenerhalt zu führen. Gab es mal die Überlegung, Sie zum Chefcoach zu machen?

Neuhaus: Nein, darüber wurde nie gesprochen. Es war damals in Borussias sportlich prekärer Situation schon mutig genug, Michael Skibbe als Trainer zu installieren. Das war eine andere Zeit als heute, junge Konzepttrainer standen nicht besonders hoch im Kurs. Ich wäre als Cheftrainer ein zu großes Risiko für den Verein gewesen. Zugetraut hätte ich mir das allerdings. Hätte der Klub aber jedem neuen Trainer gesagt, dass ich in jedem Fall der Co-Trainer bleibe, dann wäre ich heute immer noch beim BVB. (lacht)

SPOX: Sammer wurde weniger später jüngster Meistertrainer der Bundesliga-Geschichte und hat bis heute eine steile Karriere hingelegt. Wie haben Sie ihn damals erlebt?

Neuhaus: In Dortmund war er recht kamerascheu. Er hat lieber zu wenig gesagt als zu viel. Das hat sich mittlerweile doch sehr verändert. (lacht) Ich persönlich habe sehr viel von ihm lernen können, obwohl er deutlich jünger war als ich. Ich hatte aber nicht diesen Erfahrungsschatz, den er durch seine Spielerkarriere mitbrachte. Er war ein Mahner, besonders im Erfolgsfall. Er meinte immer, im Erfolg würde man die größten Fehler machen - und damit hat er zu 100 Prozent Recht. Die Zeit mit ihm hat mich geprägt.

SPOX: Als Bert van Marwijk im Juli 2004 nach Dortmund wechselte, übernahmen Sie zunächst die BVB-Amateure, gingen dann aber im April 2005 zu Rot-Weiß Essen. RWE befand sich damals in einer schwierigen Situation, der Abstieg aus der 2. Liga war vier Spieltage vor Schluss kaum mehr zu vermeiden. Wieso haben Sie sich das angetan?

Neuhaus: Ich wohnte zu diesem Zeitpunkt fast 20 Jahre lang in Essen und war dort von 1984 bis 1988 auch als Spieler tätig. Der Verein hatte Potential, es war Herausforderung und Chance. Deshalb habe ich ohne langes Überlegen zugesagt. Nach dem Abstieg haben wir die Mannschaft extrem umgekrempelt, drei Spieler blieben und 19 kamen. Am Ende stand der Wiederaufstieg.

SPOX: Ende 2005 waren Sie dann aber auf einmal der große Buhmann in Essen.

Neuhaus: Ich kann mir bis heute nicht erklären, woher die Anfeindungen kamen. Das war für mich eine wirklich schwierige Zeit. Ich kann mich an ein Spiel gegen die zweite Mannschaft des HSV erinnern. Als Spitzenreiter lagen wir mit 2:0 in Führung. Dann kassierten wir nach einem Abwehrfehler ein Gegentor und 19.000 Zuschauer riefen auf einmal "Neuhaus raus!". Das war skurril. Das Ende der Zusammenarbeit in der Folgesaison war dann aus Sicht des Vereins die richtige Entscheidung. Ich war leider die absolute Reizfigur.

SPOX: Zu Beginn der Saison 2007/2008 heuerten Sie schließlich beim damaligen Regionalligisten 1. FC Union Berlin an. Dort sind Sie sieben Jahre lang geblieben, eine für heutige Verhältnisse sehr lange Zeit. War es abzusehen, dass Sie dort so lange bleiben würden?

Neuhaus: Nicht wirklich. Ich unterschrieb einen Einjahresvertrag und keiner wusste, wohin der Zug fahren würde. Beide Seiten wollten erstmal schauen, ob es auch wirklich passt. Der Einstieg war alles andere als leicht. Nach dem Aufstieg in die 2. Liga 2009 haben wir vereinbart, Saison für Saison zu schauen, wie die Zusammenarbeit läuft und ob unsere Ziele deckungsgleich sind. Es bestand ein tolles Vertrauensverhältnis.

SPOX: Im April 2014 teilte Union mit, dass sich die Wege zum Saisonende trennen werden. Damals waren Sie der am längsten amtierende Trainer der Vereinsgeschichte und dienstältester Coach im deutschen Profifußball. Waren Abnutzungseffekte der Grund?

Neuhaus: Ich glaube schon. Ich möchte für das Ende niemandem die Schuld in die Schuhe schieben. Wir wollten alle in die Bundesliga. Es gab allerdings unterschiedliche Vorstellungen davon, in welcher Geschwindigkeit das geschehen sollte. Irgendwann ging Union dann die Geduld verloren. Vielleicht hätte ich jedoch auch ein bisschen nach rechts oder links ausweichen müssen, um wieder in die Spur zu kommen.

SPOX: Ärgert Sie die Trennung heute noch?

Neuhaus: Mich ärgert, dass mir bis heute niemand erklären konnte, warum man die Trennung damit begründete, einen mentalen und emotionalen Neuanfang machen zu wollen.

SPOX: Anschließend legten Sie ein Sabbatjahr ein. Wie viel Abstand konnten Sie gewinnen?

Neuhaus: Wenig, auch wenn ich gut regeneriert habe. Man verfolgt das Geschehen auch aus Eigennutz weiter, da man nach einer gewissen Zeit wieder in Lohn und Brot stehen möchte. Ich hätte mir auch noch einmal sieben Jahre am Stück bei Union vorstellen können. Vor gesundheitlichen Problemen hatte ich keine Angst.

SPOX: Zur aktuellen Saison übernahmen Sie Dynamo Dresden in der 3. Liga - das ist nicht gerade der Verein, dem die Unioner die Daumen drücken.

Neuhaus: Diese Entscheidung ist einfach zu erklären: alle Vereine, bei denen ich als Trainer gearbeitet habe, sind Traditionsvereine. Ich habe Lust auf Klubs, die richtig leben. Bei diesen Vereinen spürt man die Emotionen, egal ob positiv oder negativ. Das liegt auch in meinem Naturell, ich bin im Ruhrpott als Sohn einer Arbeiterfamilie aufgewachsen. In Dresden sehe ich zudem die Chance, langfristig etwas auf den Weg zu bringen. Das Potential ist dank des Stadions und Umfelds groß.

SPOX: Dynamo spielt unter Ihnen eine bärenstarke Saison, der Aufstieg ist seit dem Wochenende perfekt. Wie ist das zu erklären?

Neuhaus: Die Grundlagen wurden vor der Saison gelegt. Ich hatte ausreichend Zeit, mich mit der Mannschaft zu beschäftigen, mich nach Verstärkungen umzusehen und den neuen Kader zu planen. Es war früh ersichtlich, dass die Neuzugänge zu uns passen und wir eine tolle Gemeinschaft haben. Die Mannschaft glaubt an sich, das trägt uns bis heute.

SPOX: Ab wann haben Sie gewusst, dass der Aufstieg möglich ist?

Neuhaus: Als die Mannschaft zu Saisonbeginn wichtige Spiele in der Schlussphase gewonnen hat, kriegte ich ein Gefühl dafür, dass sie bereit und willig ist, den ganzen Weg zu gehen. Wir haben die Zweifler davon überzeugt, dass wir das packen können. Die Jungs haben überragend gearbeitet.

SPOX: Was dürfen wir in der 2. Liga von Dresden erwarten?

Neuhaus: Wir werden gut vorbereitet in die neue Saison gehen. Von uns kann man ehrlichen Fußball und Begeisterung erwarten. Aber wir wissen, dass es eine ganz schwere Aufgabe wird. Alles beginnt wieder von vorne.

SPOX: Sie sagten einmal, es wäre Ihr Traum, eine Mannschaft in der Bundesliga zu trainieren. Zum Beispiel Dynamo Dresden?

Neuhaus: Davon sind wir noch ein Stückchen entfernt, aber manchmal muss man als Trainer auch einen Schritt zurück machen, um zwei nach vorne zu kommen. Ich fühle mich bei Dynamo sehr wohl und bin froh, dass ich in meinem hohen Alter noch Erfolg habe (lacht). Die Tendenz geht ja schließlich immer mehr in Richtung jüngerer Trainer.

Uwe Neuhaus im Steckbrief