Dunkle Wolken überm Zuckerhut

Stefan Petri
17. Mai 201609:42
Die Olympischen Spiele 2016 stehen bislang unter keinem guten Sterngetty
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Am 21. April wurde das Olympische Feuer im antiken Olympia entzündet. In genau 100 Tagen wird es zum Auftakt in Rio de Janeiro eintreffen - dem Austragungsort der Sommerspiele 2016. Doch während man sich in Deutschland bereits Gedanken über die mögliche Medaillenausbeute macht, hat die brasilianische Bevölkerung ganz andere Sorgen. Wirtschaftskrise, Korruption, dazu eine gelähmte Regierung. SPOX gibt einen Überblick über den Stand der Vorbereitungen.

Spielstätten:

Die gute Nachricht: Laut IOC sind "98 Prozent der Arenen fertiggestellt". Gewerkelt wird nur noch am Velodrom der Bahnradfahrer, wo ein Testevent abgesagt werden musste, sowie am Kunstrasen des Estadio Olimpico. Der Holzboden der Bahn wird wohl erst Ende Juni einsatzbereit sein. Kein Vergleich zu den teils improvisierten Stadien vor zwei Jahren. Dafür sorgten zuletzt Meldungen für Entsetzen, wonach auf den Baustellen insgesamt elf Menschen ums Leben gekommen sind.

Kinderkrankheiten gibt es immer noch: So fiel bei den Turnern und Schwimmern zuletzt gleich mehrfach der Strom aus. Das Wasser für die Segler und Ruderer ist immer noch eine stinkende Brühe, die Guanabara-Bucht ein Hort für Krankheitserreger. Das sei die Aufgabe des Bundesstaates gewesen, so Bürgermeister Eduardo Paes. Sauberes Wasser wird es zu den Spielen nicht geben.

Infrastruktur:

Ein Viertel der Kosten entfallen auf die Metro-Linie 4 vom Tourismuszentrum Ipanema zum Olympia-Kern Barra vor der Stadt. Ob die rechtzeitig fertig wird, weiß aber keiner so genau. Der Bundesstaat erbat sich von der Regierung zuletzt mehr als 200 Millionen Euro. Als Notlösung ist ein "soft opening" im Gespräch, oder auch ein Transport nur für die Spiele. "Es wäre der Unterschied zwischen durchschnittlichen und großartigen Spielen", so Nawal el Moutakawel von der IOC-Kommission. Fällt die Linie flach, müsste man mit Bussen auf die ohnehin überfüllten Straßen ausweichen.

Ein tragisches Unglück suchte vor einigen Tagen ein weiteres Prestigeobjekt heim: Der Radweg Ciclovia Tim Maia, malerisch an einem Küstenstreifen zwischen zwei Stadtteilen gelegen, sollte ein Teil des olympischen Erbes sein, doch dann riss eine Welle ein 50 Meter langes Stück aus der Brückenkonstruktion, mindestens zwei Menschen starben. Die Frage nach der Ursache ist noch ungeklärt: Wurde beim Bau gepfuscht? Und was bedeutet das für andere Projekte der Baufirma im Hinblick auf die Spiele?

Kartenverkauf:

Rund 62 Prozent der insgesamt 7,4 Millionen Tickets sind vergeben. Finden die Wettkämpfe also vor halbleeren Rängen statt? Mario Andrada, Kommunikationsdirektor des OKs, widerspricht: "78 Prozent der zum Verkauf stehenden Tickets wurden veräußert. Wir sind auf dem richtigen Weg." Die Veranstalter hoffen darauf, dass der Staffellauf durch insgesamt 320 Städte des Landes für gesteigertes Interesse sorgt. Noch ist von Olympiafieber keine Spur, die heranrückenden Spiele könnten dafür noch sorgen. Außerdem warteten viele Fußballfans erst die Auslosung des Turniers um Neymar und Co. ab.

Gut möglich ist aber auch, dass die Party nicht so überschwänglich ausfällt wie bei der WM. Während das "jogo bonito" am Zuckerhut eine Ersatzreligion darstellt, zitiert der Deutschlandfunk Quellen, wonach acht von zehn Brasilianern keinen einzigen olympischen Sportler nennen können. Umgekehrt könnten die Meldungen über den Zika-Virus, Kriminalität etc. Touristen aus dem Ausland abgeschreckt haben.

Politik:

Im ganzen Land gibt es derzeit eigentlich nur ein Thema, ob in den Büros, Bars oder Wohnzimmern: Die langjährige Präsidentin Dilma Rousseff ist zwar offiziell noch im Amt, steht aber aufgrund Vorwürfen von Tricksereien im Staatshaushalt vor der Amtsenthebung. Das Parlament hat bereits zugestimmt, der Senat dürfte bald folgen. Dann müsste sie den Präsidentenpalast räumen, für zumindest 180 Tage. Interimspräsident wäre dann Vize Michel Temer. Den Rousseff offen als Putschisten anprangert und von einem "Staatsstreich" spricht.

Heißt: Temer würde auch während der Spiele der oberste Mann im Land sein. Bei einer Zustimmung von zwei Prozent in der Bevölkerung und einer tief gespaltenen Arbeiterpartei. Wobei die ohnehin längst in einem Korruptionsskandal versunken ist. Und nicht nur sie: Der staatliche Ölkonzern Petrobras soll über Jahre Schmiergelder gezahlt haben, gegen parteiübergreifend 60 Prozent aller Abgeordneten und Senatoren wird ermittelt. Der Treppenwitz: Auch gegen Temer Von 2003 bis 2010 Aufsichtsratschefin von Petrobras: Dilma Rousseff. Ihr wird zudem vorgeworfen, Vorgänger Lula mit einem Ministeramt schützen zu wollen.

Die Folge sind Politikverdrossenheit und eine zerrissene Bevölkerung, für und wider Rousseff, für und wider die gesamte Politikerkaste. Und eine gelähmte Regierung. Eigentlich könnten da nur Neuwahlen helfen, doch die wird es vor Rio nicht geben. Rousseff warnte bereits vor einem langen Kampf - und ließ aufhorchen, als sie einen Olympia-Boykott ausschloss. Zumindest in einer Sache sind sich die spinnefeinden Temer und seine nominelle Vorgesetzte also noch einig.

Finanzen:

Als die Spiele 2009 nach Rio gingen, brummte die Wirtschaft, das Land befand sich im Aufschwung. Sieben Jahre später ist von diesem Optimismus nichts mehr zu sehen. "In Brasilien haben wir die Wirtschaftskrise, den Korruptionsskandal um Petrobras, [...] Ich muss sagen, als wir die Spiele nach Rio vergaben, haben wir das nicht vorausgesehen", so IOC-Ehrenmitglied Kevan Gosper.

Die Situation im Land ist schlecht, im Bundesstaat Rio de Janeiro gar prekär. Eine Wirtschaftskrise schüttelt den 200-Millionen-Staat, der Binnenmarkt ist eingebrochen, Milliarden an Steuereinnahmen fehlen. Die tiefen Energiepreise schwächen den Export von Öl und Gas. Die tiefste Rezession seit 1930 hat Rio in die Pleite geführt: Kein Geld mehr für Krankenhäuser, Lehrer, Beamte. Staatsanleihen sind längst auf Ramschniveau heruntergestuft.

Immerhin: Die Investitionen für die Spielstätten kamen mehrheitlich aus dem privaten Sektor. Dennoch wird nun natürlich an allen Ecken und Enden gespart, etwa an Eröffnungs- und Schlussfeier oder der einen oder anderen Tribüne. 20.000 Volunteers werden eingespart - und den Athleten wurde im Olympischen Dorf der Fernseher auf dem Zimmer gestrichen. Nicht gespart wird auch aufgrund der abstrakten Terrorgefahr beim Thema Sicherheit: 85.000 Soldaten und Polizisten werden im Einsatz sein.

Doping:

Man hat sich fast an die täglichen Meldonium-Fälle russischer Athleten gewöhnt - doch wer davon wird gesperrt, wer bleibt gesperrt? Seit die WADA Mitte April eingestehen musste, dass der zum Jahresende verbotene Wirkstoff länger nachweisbar ist als gedacht, hängt vieles wieder in der Schwebe.

Viel wichtiger sind jedoch die Grundsatzentscheidungen. Über die russischen Leichtathleten etwa: Am 17. Juni entscheidet der Weltverband IAAF, ob die Russen geschlossen draußen bleiben müssen. Macht man sich diesen mächtigen Verband tatsächlich zum Feind? Dass Russland das betriebene Staatsdoping in so kurzer Zeit komplett gesäubert hat, daran mag kaum jemand glauben.

Und Russlands Leichtathleten stehen nicht allein auf der schwarzen Liste: Ein Ausschluss Kenias steht zur Disposition, dazu kommen Anti-Doping-Versager wie die Ukraine, Weißrussland oder Äthiopien. Und chinesische Schwimmer sollen laut The Times ebenfalls systematisch gedopt haben. Die ganz spektakulären Einzelfälle bekannter Olympioniken fehlen noch, doch schon jetzt steht die WADA unter Beobachtung. "Sport kann immer noch aufregend sein. Aber wenn die Öffentlichkeit das Interesse verliert, weil sie denkt, alle dopen - dann werden sie aufhören, Sport zu schauen", so ihr früherer Präsident Richard Pound.

DOSB:

Zur Erinnerung: In London waren 2012 392 Athleten aus Deutschland angereist - das kleinste Aufgebot seit der Wiedervereinigung - und kamen mit 44 Medaillen im Gepäck zurück. Im Juni 2013 hatte man als "Zielkorridor" 40 bis 70 Medaillen angepeilt. Nun soll es laut SID sogar 42 - 71 Mal Edelmetall sein. "Die Zielsetzung ist, so ähnlich wie in London abzuschneiden. Gern auch ein bisschen besser", so Pressesprecherin Ulrike Spitz.

Dafür sorgen soll auch ein größeres Aufgebot. Mit etwa 440 Sportlern rechnet der DOSB, möglich gemacht durch fünf statt drei Mannschaften. So sind beide Fußballteams qualifiziert und sollen möglichst eine Medaille holen, ebenso die Handball-Europameister. Den Löwenanteil der Ausbeute sollen wieder die traditionell starken Disziplinen wie Kanu, Rudern, Reiten oder der Radsport holen. Noch in der Schwebe steht das 7er-Team im Rugby, das sich im Juni in Monaco qualifizieren kann.

Die Prämien haben sich im Vergleich zu Sotschi nicht verändert. 20.000 Euro zahlt die Deutsche Sporthilfe für Gold, Silber und Bronze bringen 15.000, bzw. 10.000 Euro ein. Für einen achten Platz erhält man immerhin noch 1.500 Euro. Bei den Paralympics handelt es sich um die gleichen Prämien.

Sonstiges:

Es ist etwas stiller geworden um den Zika-Virus, obwohl es je nach Schätzung über eine Million Krankheitsfälle in Brasilien geben soll. Die Regierung, die den übertragenden Moskitos noch nicht Herr geworden ist, hofft darauf, dass der Winter auf der Südhalbkugel die Krankheit zumindest eindämmt.

Die deutschen Basketball-Männer könnten nun doch noch durch die Hintertür nach Rio schlüpfen - mit Dirk Nowitzki. Im schwelenden Streit zwischen der Euroleague und der FIBA hat der Weltverband 14 Nationen vorläufig suspendiert. Deutschland könnte so eventuell doch ein Qualifikationsturnier ausrichten und so eine weiterer Chance auf das Olympia-Ticket erhalten. Das letzte Wort haben allerdings die Anwälte.

Definitiv nicht dabei sind dafür eine Reihe großer Namen. Schwimmstar und Biedermann-Konkurrenz Yannick Agnel hat die Qualifikation verpasst, ebenso wie der brasilianische Volksheld Cesar Cielo. Völlig unerwartet kam vor einigen Wochen das Olympia-Aus der spanischen Handballer, die im EM-Finale gegen Deutschland unterlegen waren.

Golf feiert bekanntlich seine Rückkehr in Rio. Fragt sich nur, wie viele Stars letzten Endes im 60 Mann starken Teilnehmerfeld stehen werden. Angesichts eines extrem hektischen Spielplans in diesem Sommer haben mit Adam Scott, Louis Oosthuizen und Charl Schwartzel bereits mehrere Major-Sieger dankend abgewunken.

Fazit:

Traditionell hört man im Vorlauf Olympischer Spiele ja fast nur Negatives aus dem Austragungsort - seien es nun Verspätungen im Bau der Spielstätten, Proteste, ausufernde Kosten, Angst vor Anschlägen, etc.: Rio 2016 hat in dieser Hinsicht ebenfalls einen großen Rucksack zu tragen, wobei die Wettkämpfe an sich Stand jetzt reibungslos über die Bühne gehen sollten. Vor allem wirtschaftliche und politsche Faktoren machen dem Land zu schaffen, weshalb von Olympia-Stimmung noch nicht viel zu spüren ist - sowohl positiv, als auch negativ. Spannend wird sein, ob die unzufriedene Bevölkerung die Spiele dann als Kulisse für großflächige Demonstrationen nutzt - und wie eine entzweites Parlament darauf reagiert.