NBA - Chandler Parsons und seine Zeit bei den Dallas Mavericks: Als der große Hoffnungsträger mit Mark Cuban durch die Klubs zog

Philipp Schmidt
24. Januar 202210:43
Trotz unschönem Ende in Dallas verbindet Cuban und Parsons bis heute eine Freundschaft.imago images / getty
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Im Sommer 2014 galt Chandler Parsons nach seiner Unterschrift in Dallas als großes Zukunftsversprechen der Mavericks. Er pflegte eine selten dagewesene Spieler-Besitzer-Beziehung zu Party-Buddy Mark Cuban, die mit der Zeit allerdings Risse bekam. Grund dafür waren auch Parsons' zahlreiche Verletzungen, die der Karriere des 33-Jährigen nun ein frühes Ende bereiteten.

Attic Orlando, ein Nachtklub in der viertgrößten Stadt Floridas, Juli 2014: Es war kein gewöhnlicher Ort, um einen 46 Millionen Dollar schweren Vertrag zu unterschreiben, umgeben von dröhnenden Bassboxen und Unmengen an alkoholischen Kaltgetränken. Doch für die Zeit von Chandler Parsons (der aus Orlando stammt) bei den Dallas Mavericks und sein Verhältnis zum schillernden Owner Mark Cuban hätte er nicht passender sein können.

"Pay the Guy!!", ließ Parsons' College-Freund Dan Morgan die Basketball-Welt via Twitter unter einem Foto wissen, das ihn gemeinsam mit Parsons und Cuban im Attic zeigt, kurz nachdem die Tinte unter dem Dreijahreskontrakt des Flügelspielers getrocknet war. Parsons war ein Restricted Free Agent der Houston Rockets, trotz starker Vorsaison (16,6 Punkte, 37 Prozent 3FG, 5,5 Rebounds, 4,4 Assists) entschied sich der texanische Rivale in der Folge nach langem Grübeln dagegen, das Angebot zu matchen.

"Ich war definitiv ein bisschen überrascht", erklärte Parsons im Nachgang und bescheinigte seinem Agenten Dan Fegan, einen "großartigen Job" damit gemacht zu haben, Houston unter Druck zu setzen und die aus finanzieller Sicht beste Offerte für seinen Klienten herauszuholen.

Von Tag eins in Dallas an zeigte sich, dass Cuban für das vermeintlich neue Aushängeschild der Mavericks - seit der Championship 2011 waren sie nicht mehr über die erste Playoffrunde hinaus gekommen - mehr als ein normaler Geldgeber war. "Wir sind Freunde. Er war zwar der Owner des Teams, aber ich blickte auf ihn nicht anders als auf meine anderen Freunde. Wir haben Dinge unternommen, haben abgehangen und die gleichen Aktivitäten abseits des Feldes genossen", sagte Parsons 2016 zu ESPN.

Zwar war Cuban seit jeher dafür bekannt, engere Beziehungen zu seinen Spielern zu pflegen, als dies für Teambesitzer üblich war, doch mit Parsons war es anders. Undenkbar wäre es trotz der engen Verbindung gewesen, mit Dirk Nowitzki regelmäßig nächtliche Ausflüge zu unternehmen oder die Offseason in Klubs in Las Vegas oder Los Angeles zu verbringen. Anders verhielt es sich mit Parsons, der bald sogar in zukunftsträchtige Entscheidungen der Franchise involviert wurde.

Parsons Kaderplaner der Mavericks: Jordan statt Ellis

Besonders deutlich wird dies ein Jahr nach dem Signing: Parsons hatte eine ordentliche Debütsaison mit vereinzelten Highlights gespielt (15,7 Punkte, 4,9 Rebounds, 38 Prozent 3FG), immerhin 66-mal zur Verfügung gestanden und zumindest in Ansätzen gezeigt, was sich die Mavs von ihm erhofften: Entlastung als Ballhandler, gute Defense und ein verlässlicher Dreier.

In der Endphase der Spielzeit erlitt er einen Knorpelschaden im Knie, sodass er größtenteils aussetzen musste und auch das Erstrundenaus gegen sein altes Team in fünf Spielen nicht abwenden konnte (nur 36 Minuten in Game 1). Nach der durchgeführten Arthroskopie herrschte Optimismus, dass Parsons in der neuen Saison von Beginn an mitwirken kann - und diese musste vernünftig geplant werden!

Mit DeAndre Jordan war das primäre Ziel schnell ausgemacht. Der Elite-Verteidiger sollte Nowitzki in der Defensive entlasten, wie es zuvor Tyson Chandler gemacht hatte und mit seinen Fähigkeiten als Roll Man das Spiel von Parsons komplementieren. Topscorer und Free Agent Monta Ellis, auf und abseits des Feldes kein guter Fit für den Chef-Recruiter, durfte gehen. Jordan war Parsons bereits seit seiner Jugend vertraut, zudem einte sie der Agent. Und Cuban segnete das Vorhaben ab.

Parsons wich den gesamten Sommer über kaum von Jordans Seite, lud zum Wein-Dinner und Sushi-All-You-Can-Eat. Auch Cuban war selten weit entfernt, Parsons reiste häufig mit dem Privatjet des Milliardärs. Ob in Malibu, Hollywood oder in Jordans Heimat Houston wurde kräftig geworben, stets angeführt von Parsons. Und Jordan sagte tatsächlich mündlich zu, in einem von Cubans Häusern wurde die Einigung gebührend gefeiert. Der Ausgang ist bekannt: Jordan änderte seine Meinung, war tagelang nicht mehr zu erreichen und blieb bei den Clippers.

Dallas Mavericks: Knorpelschaden leitet Parsons-Abgang ein

In der Folge mussten die Mavs ohne Jordan auskommen, hatten Meister-Center Chandler abgegeben und den noch an den Folgen eines Achillessehnenrisses leidenden Wesley Matthews mit einem viel zu teuren 70-Millionen-Dollar Vertrag über vier Jahre ausgestattet. Die Saison verlief für Dallas enttäuschend, nach 50 Siegen reichte es nur noch für 42, es setzte das nächste Aus in Runde eins der Postseason (1-4 gegen OKC) - und auch für Parsons selbst ging es ab diesem Punkt nur noch bergab.

Der Saisonstart verlief nach dem Knie-Eingriff holprig, als er zu alter Leistung gefunden hatte (18/6 bei 51,9/47,7 Prozent in den letzten zwei Monaten), folgte im März 2016 der Schock: Meniskusriss im gleichen Knie, nächste OP! "So sehr es mich auch schmerzte, dass meine Saison vorzeitig vorbei war, wusste ich, dass sie nicht das Karriereende bedeutet und sich Mark finanziell um mich kümmern würde", blickte Parsons zurück und deutete an, dass er sich in gewisser Weise in Cuban getäuscht hat.

Denn: Sein drittes Vertragsjahr beinhaltete eine Spieleroption (16 Millionen). Während der Owner ihn davon überzeugen wollte, diese zu ziehen und bei weiter ansteigendem Salary Cap ein Jahr später einen größeren Vertrag zu unterschreiben, war Parsons an frühzeitiger Planungssicherheit interessiert - idealerweise in Form eines Maximal-Vertrags bei den Mavs. Parsons stieg aus seinem Vertrag aus.

"Während des gesamten Prozesses zum Start der Free Agency dachte ich, dass Dallas der richtige Ort für mich ist. Ich dachte, wir hätten ein beidseitiges Verständnis darüber, dass ich die ganze Zeit hier bleiben und als Mav meine Karriere beenden werde", sagte Parsons. Die zweite OP habe jedoch Zweifel bei Cuban geschürt, zudem seien weitere Verantwortliche "in seinen Kopf" gekommen. Während Parsons darauf beharrt, dass Cuban in der Free Agency immer wieder eine Einigung über einen Vierjahresvertrag in Aussicht gestellt hatte, wollte sich dieser an eine solche Aussage nicht mehr erinnern.

Die eigene Zukunft stand noch in den Sternen, bei den Planungen der Mavericks war Parsons jedoch weiterhin gefragt. Diskutiert wurde darüber, ob Hassan Whiteside das Team auf ein neues Level heben könne, zudem setzte er sich dafür ein, Harrison Barnes als variablen Forward an seine Seite zu stellen. Dieser sollte letztlich jedoch nicht neben Parsons auflaufen, sondern an seiner Stelle. Parsons unterschrieb einen Maximalvertrag über 94,5 Millionen bei den Memphis Grizzlies - eine Offerte, die er verständlicherweise nicht ablehnen konnte.

Ein offizielles Angebot der Mavs gab es nie, obwohl Parsons darauf beharrt, er wäre mit "deutlich weniger" als dem Max zufrieden gewesen. "Meine Sorge war die gleiche wie ihre. Ihr macht euch Sorgen um mein Knie? Ihr wollt mich nicht langfristig bezahlen? Diese anderen, richtig guten Teams wollen es. Das Risiko wäre viel zu groß gewesen, das abzulehnen. Es hätte keinen Sinn gemacht. Kein Mensch, der richtig denken kann, hätte anders gehandelt."

Parsons und Cuban uneins: "Am Ende bist du mein Freund"

In Dallas hatten sich die Machtverhältnisse im Front Office derweil allmählich wieder geändert. Zuvor, so stellte ESPNs Tim MacMahon klar, habe Parsons "zwei Jahre lang deutlich mehr Kontrolle über Personalentscheidungen als Donnie Nelson" gehabt. Der eine war General Manager, der andere kein einziges Mal All-Star. Als sich jedoch Nelson, Gesundheitsdirektor Casey Smith, Head Coach Rick Carlisle und auch Nowitzki gegen einen langfristigen Parsons-Deal aussprachen, lenkte Cuban ein.

Parsons nannte einen weiteren Aspekt, warum es immer wieder Vorbehalte hinter vorgehaltener Hand gegen ihn gegeben haben soll: Eifersucht. "Der Hauptgrund, warum ich nach Dallas gegangen bin, war, dass ich einen Besitzer hatte, der mein Junge war und der an mich geglaubt hat. Das ist eine grandiose Kombination. Ich glaube, dass die Tatsache, wie cool ich mit ihm war und wie viel Macht ich hatte, die Gefühle einiger verletzt hat." Dies habe ihm letztlich "in den Hintern gebissen".

In der Free Agency sei er "gemieden" worden. So wie Jordan im Vorjahr Cuban ignoriert habe, habe dieser nun mit Parsons gehandelt. Er dachte sich: "Ich verstehe es, wir stecken in Verhandlungen. Das kann hart sein, aber am Ende bist du mein Freund." Nicht förderlich war sicherlich auch, dass Parsons zuvor im Mai in einem Club in Santa Monica mit Jordan, dem Staatsfeind Nummer eins in Dallas, abgehangen hatte - #nohardfeelings. "Das hat Cuban definitiv angepisst", sagte Parsons und beteuerte, nicht über die Auswirkungen des Fotos auf Instagram nachgedacht zu haben.

Nach Parsons' Abschied wurde es lange still zwischen den Freunden, abgesehen von einer Nachricht, in der Cuban seinem Party-Buddy alles Gute in Memphis wünschte und ihn dazu animierte, ihn eines Besseren zu belehren. Und auch Parsons hatte Verständnis dafür, dass die Mavs zögerten, einem verletzungsanfälligen Spieler eine solch hohe Summe zu zahlen. Diese Bedenken sollte sich vollumfänglich bestätigen: In einem völlig verrückten Free-Agency-Sommer 2016 schaffte es der Parsons-Kontrakt rückblickend tatsächlich, in negativer Hinsicht herauszustechen.

Parsons: Autounfall beendet Karriere - letztes Spiel mit 31

95-mal lief Parsons für die Grizzlies auf, in durchschnittlich knapp 20 Minuten brachte er es gerade einmal auf 7,2 Punkte und 2,6 Rebounds bei 39,3 Prozent aus dem Feld und 34,1 Prozent aus der Distanz. In keiner Saison absolvierte er mehr als 36 Spiele, immer wieder traten die altbekannten Knieprobleme auf, im Frühjahr 2017 kam sogar eine weitere OP - dieses Mal am linken Knie - hinzu.

Im Juli 2019 wurde er für Miles Plumlee und Solomon Hill (zwei ebenso miese Verträge) zu den Atlanta Hawks getradet. Dort bestritt er nur noch 5 Partien, das letzte davon am 27. Dezember 2019.

Zwei Wochen später wurde er auf dem Heimweg vom Training in einen Autounfall verwickelt, den ein offenbar angetrunkener Verkehrsteilnehmer verursacht hatte. Parsons erlitt ein Schädeltrauma, einen Bandscheibenvorfall sowie eine Verletzung der Gelenkslippe. In der Folge wurde er von den Hawks entlassen. Nun zog er einen Schlussstrich - sowohl aus sportlicher Sicht, als auch bezüglich des Unfalls. Ein Rechtsstreit wurde mittlerweile beigelegt.

"Es waren verrückte Jahre, die vieles in eine andere Perspektive rücken", nahm er auf Instagram offiziell Abschied vom Basketball, nachdem er bis heute nicht vollständig von den Unfallfolgen genesen ist. "Ich hatte so viele Hochs und Tiefs und bin für alles dankbar. Mein ganzes Leben war dem Ziel gewidmet, ein NBA-Spieler zu sein. Ich kann stolz sagen, dass ich das geschafft habe."

Chandler Parsons: Statistiken für die Dallas Mavericks

SaisonSpielePunkteReboundsAssistsFG%3FG%
2014-156615,74,92,446,238,0
2015-166113,74,72,849,241,4
NBA gesamt44012,74,52,746,237,3