Trotz eines enttäuschenden 13. Platzes kann Mick Schumacher aus dem Großen Preis der Niederlande viel Positives ziehen. Ferrari kann die WM abhaken und muss eher nach hinten schauen. Und die Fans in Zandvoort fallen wieder einmal durch negatives Verhalten auf. Die Erkenntnisse zum Niederlande-GP.
1. Jetzt muss Ferrari nach hinten blicken
Für die Scuderia Ferrari endete der Große Preis der Niederlande - wie sollte es auch anders sein - wieder einmal mehr als enttäuschend. Als für die Roten "begünstigte" Strecke galt Zandvoort vor dem Wochenende, mit den Startplätzen zwei und drei für Charles Leclerc und Carlos Sainz legte man am Samstag zumindest einen soliden Grundstein.
Doch einmal mehr machte die Scuderia aus dieser Ausgangssituation zu wenig. Leclerc hatte Pech mit dem Safety Car, bei Sainz schlichen sich die beinahe schon klassischen Ferrari-Patzer ein. Beim ersten Boxenstopp vergaß die Boxencrew beim Reifenwechsel ein Rad bereitzustellen, bei der zweiten Abfertigung ließ man den Spanier dann zu früh losfahren und handelte sich eine Fünf-Sekunden-Zeitstrafe ein.
Doch nicht nur das Pech und die individuellen Fehler machen Ferrari zu schaffen. Auch in Sachen Pace haben die Roten mittlerweile nicht wegzudiskutierende Defizite. Red Bull und Verstappen sind - das sollte auch mittlerweile dem Letzten klar sein - davongezogen: In der Weltmeisterschaft hat der Niederländer 109 Punkte Vorsprung auf Leclerc. Selbst bei vier Ausfällen Verstappens und gleichzeitigen Siegen des Ferrari-Piloten ist der Rückstand nicht aufgeholt. Die WM ist weg, das ist Fakt.
Und mittlerweile hat auch Mercedes den Anschluss gefunden. Die Silberpfeile haben sich nach katastrophalem Saisonstart berappelt und machen Jagd auf den zweiten Platz in der Konstrukteurswertung. In den vergangenen acht Rennen stand siebenmal mindestens einer der Mercedes-Piloten auf dem Treppchen, teilweise performte man sogar auf Augenhöhe mit dem übermächtigen Verstappen.
Ferrari-Teamchef Binotto: WM? "Ist schon ein riesiger Abstand"
Mercedes hätte in Zandvoort vielleicht sogar noch mehr rausholen und um den Sieg kämpfen können, hätte man bei Hamilton nicht einen Strategie-Fehler im letzten Stint begangen. Das Risiko einzugehen und die bessere Track-Position gegenüber Verstappen zu haben, ist auf den ersten Blick zwar logisch, letztlich hätte man die Pace des Niederländers auf den frischen Softs aber erahnen können. Hamilton hatte so oder so kaum eine Chance.
Dennoch: Die Form der Silberpfeile stimmt - und das sollte Ferrari Sorgen bereiten. Nicht nur der Verlust von WM-Rang zwei wäre ein herber Schlag in Sachen Prestige und Selbstbewusstsein - immerhin war Ferrari zu Beginn des Jahres das klar schnellste Auto im Feld. Die Scuderia würde sich zusätzlich wichtige Millionen durch die Lappen gehen lassen, die man für die Konstruktion des kommenden Boliden bräuchte.
"Es ist schon ein riesiger Abstand. Wenn man schaut, wie viele Rennen noch zu fahren sind", schrieb Teamchef Mattia Binotto den Kampf um die Weltmeisterschaft so gut wie ab. Stattdessen schwor er seine Truppe für die kommenden Wochen ein, um wenigstens Mercedes einen Fight liefern zu können. "Für uns ist wichtig, dass wir uns auf jedes Rennen konzentrieren und versuchen, die Probleme zu lösen. Von jetzt bis zum Ende der Saison ist die Stimmung auch wichtig. Dann müssen wir uns auch für die nächste Saison verbessern."
2. Mick Schumacher kann viel Positives mitnehmen
Nach Rang acht in der Qualifikation hatte sich Mick Schumacher eigentlich deutlich mehr vorgenommen als Platz 13 im Rennen. Dass der Deutsche zu keiner Zeit ernsthaft um WM-Punkte kämpfen konnte, lag aber keineswegs an ihm.
Vielmehr war eine erneut schlecht ausgeführte Strategie seines Rennstalls gepaart mit individuellen Patzern der Boxencrew Schuld daran, dass Schumacher fernab eines Top-Ten-Platzes ins Ziel kam. Bei seinem ersten Stopp in Runde zwölf klemmte es offenbar beim Wagenheber, der Stopp verzögerte sich um mehr als zehn Sekunden und Schumacher kehrte nur als 18. auf die Strecke zurück. Ähnliche Schwierigkeiten gab es auch beim zweiten Stopp.
"Wir hatten ein Auto, das ordentlich genug war für die Top 10. Leider hat uns das (der Boxenstopp; Anm.d.Red.) ein paar Punkte gekostet. Manchmal funktioniert das Material eben nicht so, wie wir uns das vorstellen", haderte der Deutsche mit dem ersten Reifenwechsel. Dass dann auch der zweite Stopp in der zweiten Rennhälfte nicht reibungslos verlief, setzte dem Desaster die Krone auf. Dieser sei ebenfalls "nicht optimal" abgelaufen, konstatierte Schumacher. "Ich vermute, wir hatten ein ähnliches Problem, denn der Wagenheber vorne war wieder langsam."
So erscheint das Niederlande-Wochenende für den 23-Jährigen auf den ersten Blick erneut eine verpasste Chance gewesen zu sein, sich mit guten Ergebnissen in den Vordergrund zu fahren und sich für ein 2023er-Cockpit zu empfehlen. Doch der Haas-Pilot lieferte abseits der vielen (unverschuldeten) Probleme ein sehr starkes Wochenende ab und überzeugte, wenn er denn frei fahren konnte, mit guter Pace.
Niederlande-GP: Magnussen lobt Schumacher
Das bescheinigte ihm auch Teamkollege Kevin Magnussen. Schumacher habe in Zandvoort im Alleingang bewiesen, dass der VF-22 "immer noch konkurrenzfähig" sei, so der Däne. "Ich wiederum habe es im Qualifying verbockt und im Rennen ebenfalls."
Schumacher sollte trotz des auf den ersten Blick unbefriedigenden Ergebnisses das Positive aus diesem Wochenende ziehen. Davon gibt es genug. Mit P8 fuhr er den drittbesten Startplatz seiner Karriere ein, darüber hinaus dominierte er Magnussen sowohl am Samstag als auch am Sonntag. Genau das sind die Leistungen, die Teamchef Günther Steiner von seinem Schützling sehen möchte und die ihm - vorausgesetzt er kann sie auch in den restlichen sieben Rennen konstant abrufen - dann sicherlich auch ein Cockpit für 2023 sichern werden.
3. Viele Fans in Zandvoort bringen viele Probleme
Auch wenn der Rennsonntag glücklicherweise nicht direkt betroffen war, wurde die Formel 1 in Zandvoort ein weiteres Mal Zeuge von problematischem Verhalten einiger Fan-Gruppierungen. Obwohl man ein ausdrückliches Leuchtfackel-Verbot am gesamten Wochenende aussprach, landeten am Samstag während des Qualifyings gleich zwei dieser Bengalos auf der Strecke.
Nicht nur gefährden solche auf die Strecke geworfenen Gegenstände die Sicherheit der Piloten und anderer Zuschauer, auch werfen sie ein schlechtes Licht auf die Veranstalter, die wieder einmal in Erklärungsnot gerieten. "Die Fahrer, das Formel-1-Management, die FIA und die Veranstalter des Niederlande-Grand-Prix tolerieren Leuchtfackeln nicht. Das hat auch Max Verstappen in seinen Medienrunden nach dem Qualifying so gesagt. Leuchtfackeln sind einfach nicht erlaubt", hieß es in einem Presse-Statement.
Leider ist es nicht das erste Mal in diesem Jahr, dass Fans an den Strecken negativ auffallen. Sei es unsportliches Verhalten britischer Anhänger nach der Pole-Position von Verstappen in Silverstone oder die Berichte über homophobe, sexistische und rassistische Äußerungen einiger Fan-Gruppierungen beim Österreich-GP in Spielberg: Die Formel 1 scheint in diesem Jahr einiger dieser Problemfans anzuziehen.
Und das ist durchaus eine logische Konsequenz aus dem Expansions-Verhalten der F1-Verantwortlichen in den vergangenen Jahren. Mit ihrer "Drive-to-survive"-Serie hat die Formel 1 weltweit viele neue Zuschauer erschlossen. Dass dabei auch gewisse "Problem-Kandidaten" dabei sind, die den Sport weder verstehen noch respektieren, ist kaum auszuschließen.
Niederlande-GP: Veranstalter müssen härter durchgreifen
Eines muss man sich jedoch vorwerfen lassen: Die Verantwortlichen und Veranstalter müssen insgesamt noch konsequenter auftreten, um solches Verhalten in Zukunft zu unterbinden. Härtere Strafen für Übeltäter oder eine bessere Prävention an Rennwochenenden wären hier mögliche Vorgehensweisen.
Denn auf der Gegenseite bringen diese neu gewonnen Fans auch eine Menge positiver Aspekte mit. Die Stimmung an den einzelnen GP-Standorten war selten so gut wie in diesem Jahr. Wo man hinkommt, sind die Stadien und Tribünen sehr gut gefüllt.
Die Atmosphäre in Zandvoort sei "großartig" gewesen, sagte auch Mercedes-Teamchef Toto Wolff: "Der Enthusiasmus für Max hat das komplette Land erfasst. Das ist schön zu sehen. Und ich habe nur positive Erfahrungen mit den Fans gemacht."
Formel 1: Der WM-Stand (nach 15 von 22* Rennen)
- Fahrerwertung:
Platz | Fahrer | Team | Punkte |
1 | Max Verstappen | Red Bull | 310 |
2 | Charles Leclerc | Ferrari | 201 |
3 | Sergio Perez | Red Bull | 201 |
4 | George Russell | Mercedes | 188 |
5 | Carlos Sainz | Ferrari | 175 |
6 | Lewis Hamilton | Mercedes | 158 |
7 | Lando Norris | McLaren | 82 |
8 | Esteban Ocon | Alpine | 66 |
9 | Fernando Alonso | Alpine | 59 |
10 | Valtteri Bottas | Alfa Romeo | 46 |
- Konstrukteurswertung:
Platz | Team | Punkte |
1 | Red Bull | 511 |
2 | Ferrari | 376 |
3 | Mercedes | 346 |
4 | Alpine | 125 |
5 | McLaren | 101 |
6 | Alfa Romeo | 51 |
7 | Haas | 34 |
8 | AlphaTauri | 29 |
9 | Aston Martin | 25 |
10 | Williams | 4 |
*Der Russland-GP wurde aufgrund des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine ersatzlos gestrichen. Ursprünglich hatte die Formel 1 für die Saison 2022 23 Rennen eingeplant.
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