München - Es ist eine Frage der Motivation. Egal ob bei einer Hollywood-Produktion, einer Theater-Aufführung oder am Abschlusstag der EM-Qualifikation.
Gibt man sich als Nebendarsteller mit seiner ihm zugedachten Rolle zufrieden? Reicht es aus, nur gut auszusehen und als Stichwortgeber zu fungieren? Oder drängt es einen in den Vordergrund, auf der Suche nach der Herausforderung, den Hauptprotagonisten an die Wand zu spielen?
Kroatien tritt in England an. Bosnien-Herzegowina in der Türkei (die EM-Quali ab 16 Uhr im LIVE-TICKER). Beide Balkan-Staaten bekleiden genretypische Nebenrollen, ihre Gegenüber gelten gemeinhin als Koryphäen der Szene und ziehen die Scheinwerfer auf sich.
England braucht mindestens ein Remis, die Türkei einen Sieg, um sich sicher für die EM zu qualifizieren. Bei einem Scheitern jedoch droht den Nationaltrainern Steve McClaren und Fatih Terim die Entlassung, von Hohn und beißendem Spott ganz abgesehen. Demgegenüber erscheint die Ausgangslage ihrer Gegenüber in der Tat trivial und nebensächlich.
Verewigt in den Geschichtsbüchern
Kroatien ist durch Russlands Ausrutscher in Israel sicher bei der EM dabei, für Bosnien ist nach vier Niederlagen am Stück der Zug in die Alpen seit langem abgefahren. Es geht für sie also um nichts mehr. Oder doch?
"Es ist eine Frage der Ehre. Durch einen Sieg bei den Favoriten könnten sich beide Nationen in den Geschichtsbüchern verewigen", sagt Tomislav Piplica im SPOX.com-Interview. Der Torwart von Energie Cottbus hat die kroatische wie auch die bosnische Staatsbürgerschaft und bestritt für Bosnien neun Länderspiele.
"Ich kann leider nicht beide Spiele sehen, weil ich nur einen kroatischen Sender empfange. Aber ich drücke natürlich beiden die Daumen. Das sind meine beiden Länder", sagt Piplica.
Zwei Nebenrollen, zwei Überraschungen?
Zwei Länder, die drauf und dran sind, für zwei Paukenschläge zu sorgen, wie der 38-Jährige glaubt. "Bosnien ist sehr gut gestartet und hat unnötige Heimniederlagen kassiert. Insgesamt fehlt den Bosniern ein wenig die Qualität im Kader und Ruhe in der Verbandsspitze", sagt Piplica.
"Aber in der Türkei ist einiges möglich. Angst werden die sicher nicht haben."
Und Kroatien? "Sie können auf jeden Fall in England gewinnen. Ich habe mit Nationaltrainer Slaven Bilic und Josip Simunic regelmäßigen Kontakt. Daher weiß ich, dass es für sie in England ein besonderes Spiel ist und sich vor allem die jungen Spieler für Topklubs empfehlen wollen."
Arroganz und eine Luxuskarosse
Und da wäre ja noch die Attitüde der Three Lions. So echauffierte sich zuletzt Kroatiens Nummer eins Stipe Pletikosa: "Die Engländer behaupten, dass sie besser seien und wir nur Glück hätten. Aber sie vergessen, dass wir sie zuhause 2:0 besiegt haben. Wir achten nicht auf deren Arroganz und erledigen, was wir zu erledigen haben." Ehrgefühl schwingt da mit. Und auch eine Portion Materialismus?
Immerhin will Leonid Fedun, Pletikosas Vorgesetzter bei Spartak Moskau, seinem Torwart und den drei besten Spielern Kroatiens ein Luxusauto schenken, sollten sie im Wembley-Stadion tatsächlich gewinnen. Denn dann könnte Russland - ein Sieg in Andorra vorausgesetzt - England noch vom Qualifikationsplatz verdrängen.
Pletikosa belässt es bei einem vielsagenden: "Die ganze Welt kennt die Großzügigkeit der Russen". Piplica sagt: "Klar kann so etwas eine Rolle spielen." Es ist eben eine Frage der Motivation.