Minuten auf dem stillen Örtchen

Holger Britzius
19. November 200722:11
SPOXGetty
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München - Die mögliche Qualifikation zur EM in Österreich und der Schweiz vor Augen und den letzten Gruppengegner Kroatien vor der Brust, befindet sich die englische Fußballnation mitsamt Trainer und Team einmal mehr im emotionalen Ausnahmezustand.

Nach dem erlösenden israelischen Siegtreffer von Omer Go(a)lan am Samstag gegen Russland reicht den Three Lions in der abschließenden Partie gegen Kroatien bereits ein Unentschieden, um das kaum mehr für möglich gehaltene Ticket für den Aufenthalt in den Alpen doch noch zu ergattern. Der Tenor: Nur nicht verlieren gegen die bereits qualifizierten Kroaten. Das ist schon alles.

Bangendes Mutterland

Doch für das Königreich scheint dieses eine Spiel wie ein gefühltes Elfmeterschießen gegen Deutschland zu sein. Angst machen Hosen voll. Und da helfen auch die obligatorischen Zuversichtsbeteuerungen und Appelle an die Unterstützung der Zuschauer in Wembley nichts.

Stattdessen beschreibt Teamchef Steve McClaren mit einer einzigen, Herz zerreißend ehrlichen aber auch naiven Äußerung die ganze Seelenlage der Nation.

Panik auf dem Pott 

Die letzten zehn Minuten des schicksalsschwangeren Spiels zwischen Israel und Russland verbrachte McClaren nämlich bangend auf dem stillen Örtchen. "Beim Stand von 1:1 habe ich mit dem Schlimmsten gerechnet. Ich war unglaublich angespannt und hab es nicht mehr ausgehalten."

Erst als der Jubel seines Teams aus dem TV-Raum des Mannschaftshotels drang, kehrte er zurück und nahm erleichtert die gute Kunde aus Tel Aviv zur Kenntnis: "Es war eine fantastische Nachricht für uns alle."

McClaren raus - je schneller, desto besser

Kein Wunder, dass sich die englische Presse nicht gerade in Lobeshymnen ergeht: "Glückliches England - Israel hält Englands zerbrechlichen Traum am Leben", schrieb etwa die "Sunday Times" während der „Observer" fragte: "Wie viel Glück kann man haben?".

Einen Schritt weiter geht die "News of the world", deren Kolumnist Rob Beasley fordert: "Warum tun wir nicht so, als ob wir uns nicht qualifizieren könnten und werfen McClaren auf jeden Fall raus - je schneller desto besser." Vertrauen der Öffentlichkeit sieht anders aus.

Ohne Stürmer gegen Kroatein

Dabei reicht England ein Remis am Mittwoch. Und ein heilloses Offensivinferno von Gerrard und Co. ist auf Grund der personellen Lage ohnehin nicht drin. Gerade im Angriff ist die Not groß. Für Michael Owen, der sich beim Testspiel in Österreich (1:0) verletzte, nominierte McClaren Darren Bent nach.

Der Spurs-Stürmer hat jedoch ebenso wenig Spielpraxis wie Vereinskamerad Jermaine Defoe, der neben Peter Crouch in die Elf rutschte, nachdem zuvor schon Wayne Rooney und Emile Heskey verletzt passen mussten.

Macht es wieder Becks? 

Zudem fehlt mit dem verletzten Mannschaftskapitän John Terry und dem gesperrten Rio Ferdinand die etatmäßige Innenverteidigung.

Das zentrale Mittelfeld ist mit Steven Gerrard, Frank Lampard, Gareth Barry und dem wieder zur Verfügung stehenden Ex-Bayern Owen Hargreaves dagegen überbesetzt. Nicht zuletzt deshalb steht auch hinter dem Einsatz des einstigen Heilssbringers (WM-Quali 2002!) David Beckham ein großes Fragezeichen.

Wieder zehn Minuten Ewigkeit?

Und so kann es am Mittwoch kommen, wie es in jedem anständigen Fußball-Drehbuch kommen muss: In der 80. Minute erhebt sich Teamchef McClaren beim Stande von 0:0, verlässt wortlos die Bank und verschwindet in den Katakomben.

Nachdem er eine gefühlte Ewigkeit auf der Keramik später die rasenden Massen in der Arena hört, kehrt er zurück und verkündet seine riesige Freude über die Qualifikation zur EURO. Elfmeterschießen gibt es ja keines.