Die Irrtümer des Mr. Bean

Stefan Moser
30. November 200714:19
SPOXGetty
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München - Steve McClaren war kaum wiederzuerkennen. Er wirkte ruhig, gefasst, fokussiert, wie von einer Last befreit.

Keine zwei Stunden zuvor gab der englische Verband die Entlassung des englischen Nationaltrainers bekannt, nachdem die Three Lions mit der Niederlage gegen Kroatien die Qualifikation für die EURO 2008 endgültig vergeigt hatten.

Zum ersten Mal seit 24 Jahren wird England nicht an einer Europameisterschaft teilnehmen. Nach nur 18 Monaten im Amt - kürzer als jeder andere Coach in der Geschichte des englischen Fußballs - musste McClaren die Konsequenzen tragen und seinen Platz räumen.

"Ich muss mich an Ergebnissen messen lassen. Entsprechend trage ich die alleinige Verantwortung für unser Scheitern", sagte der 46-Jährige nun auf der offiziellen Pressekonferenz.

Der Trottel mit dem Regenschirm

Es folgte eine aufrichtige Entschuldigung an das gesamte Land - mit festem Blick und klarer Stimme. Von der leicht krähwinkligen Tapsigkeit, mit der McClaren in den 18 Monaten zuvor nur allzu oft nach Ausreden suchte und sich ebenso hektisch wie hilflos über Verletzungssorgen und Schiedsrichterentscheidungen beklagte, war nichts mehr zu spüren. Am nach eigenen Angaben traurigsten Tag seiner Karriere umgab den "Trottel mit dem Regenschirm" ("Daily Mail") plötzlich ein Anflug von Charisma.

In den Wochen zuvor hatte McClaren noch die resignierte Ausstrahlung eines gebrochenen Studienrates. Er wusste, dass er längst zum Gespött der Leute geworden war, doch es machte ihm scheinbar nichts mehr aus. 

Stattdessen trat er weiterhin beherzt in jedes einzelne Fettnäpfchen, das sich ihm in den Weg stellte. Zuletzt etwa verbrachte er die bis dahin wohl wichtigsten Minuten seiner Karriere zitternd auf dem Klo, als Israel gegen Russland für ihn die Kohlen aus dem Feuer holte. Und er war tollpatschig genug, es anschließend auch ausführlich der Presse zu erzählen.

Eine Kette von Fehlentscheidungen

Die Episode ist irgendwie very british, hat Unterhaltungswert und durchaus einen gewissen Charme - aber all das hat Mr. Bean auch. Nur hatte der nun mal nicht die Aufgabe, dem englischen Team und der ganzen Fußballnation vor dem alles entscheidenden Spiel den nötigen Glauben an sich selbst einzuimpfen.

McClaren hatte genau diese Verantwortung - und er ist an ihr gescheitert. Es passt ins Bild des drolligen Loosers, dass gegen Kroatien dann aber auch jede einzelne seiner taktischen und personellen Maßnahmen gründlich in die Hose ging.

Mit Scott Carson stellte er überraschend einen neuen Mann zwischen die Pfosten - der Keeper patzte katastrophal. In der Abwehr stellte er auf eine ungewohnte Dreierkette um - die Defensive wackelte wie selten zuvor. Er ließ David Beckham zu Beginn auf der Bank - nach seiner Einwechslung war der Kapitän der beste Mann auf dem Platz.

Die Kluft zwischen Vereinen und Verband

Braves und biederes Auftreten, mangelnde Autorität im Umgang mit den millionenschweren Stars, ein fehlendes taktisches Konzept und einen antiquierten Kick-and-Rush-Stil: So lauten zusammengefasst die Vorwürfe gegen McClaren.

Brian Barwick, Geschäftsführer des englischen Fußballverbandes FA, hat nun die Aufgabe, einen Nachfolger aus dem Hut zu zaubern, der vor allem zwei Kriterien erfüllt: Er muss aus teils überragenden Einzelkönnern eine Mannschaft formen und dieser Mannschaft auch noch modernen Fußball beibringen.

Denn in Taktik- und Stilfragen gehört die englische Premier League zwar zweifellos zur Avantgarde im europäischen Fußball. Doch auf Nationalmannschaftsebene hat England in den letzten zehn Jahren genau dort den Anschluss verpasst.

Der große Schnitt

Der Ausländeranteil der Spieler in den Klubmannschaften von weit über 50 Prozent erklärt die Kluft zwischen Vereinen und Verband dabei nur zum Teil. Als weit größeres Problem gilt in England die Trainerausbildung.

Die dominierenden Gestalten auf den Bänken der Premier League hießen in den letzten Jahren Jose Mourinho (Portugal), Arsene Wenger (Frankreich), Rafael Benitez (Spanien) oder Alex Ferguson (Schottland). Sie alle haben ihr Handwerk im Ausland gelernt. Der letzte englische Trainer, der einen internationalen Titel gewann, war ein gewisser Howard Kendall: Mit Everton gewann er 1985 den Europapokal der Pokalsieger.

Gleich nach der Entlassung von Steve McClaren kündigte Goeff Thompson, der Präsident der FA bereits den großen Schnitt an. Er wolle den ganzen englischen Fußball auf "Stumpf und Stiel untersuchen" und zur Not jeden Stein einzeln umdrehen.

Auf Klinsmanns Spuren

Damit steht dem englischen Fußball möglicherweise auch eine Diskussion über die Trainerausbildung ins Haus, wie sie Klinsmann, Löw, Bierhoff und Sammer auch in Deutschland führten und führen.

Die Suche nach einem visionären Nachfolger für McClaren dürfte für Barwick aber ungleich schwerer werden, zumal die FA insgesamt nicht gerade den Ruf genießt, für revolutionäre Konzepte besonders empfänglich zu sein. Zudem wünschen sich weite Kreise innerhalb des Verband dringend einen Muttersprachler als Trainer.

In Frage kommt dabei vor allem Martin O'Neill von Aston Villa, dessen Name - neben Mourinho, Scolari und Klinsmann - in der Presse auch hoch gehandelt wird.

Der Nordire war auch schon Kandidat für die Nachfolge von Sven-Göran Eriksson. Das Rennen machte damals aber Steve McClaren. O'Neill manövrierte sich bei der FA selbst ins Abseits - weil er eine Umstrukturierung der englischen Trainerausbildung forderte.