SPOX-Redakteur Alexander Maack bewertet nach jedem Grand Prix die fahrerischen Leistungen der Formel-1-Piloten und stellt sein persönliches Driver-Ranking auf. Teil 9 der Saison 2016: Der Große Preis von Österreich in Spielberg. Mit dabei: Die crashenden Silberpfeile, ein Rookie und ein Oldie im Kampf um den Tagessieg und der Jekyll-and-Hyde-Hulk.
Platz 1, Jenson Button: Der McLaren-Honda ist bei weitem kein Auto für einen Top-5-Startplatz. Trotzdem ging der Weltmeister des Jahres 2009 von Rang 3 ins Rennen. Beeindruckend. Button lieferte auf feuchter Strecke ab, was sonst nur wenige können. Er bewegte sein Auto am Limit ohne zu riskieren, die Kontrolle zu verlieren. Der Routinier fiel im Rennen bis auf Platz 6 zurück. Das war zu erwarten. Das Auto gibt nicht mehr her.
Mit seiner starken Verteidigungsfahrt gegen weit schnellere Autos nach dem Start verdeutlichte Button eindrucksvoll, warum sich McLaren so schwer tut, Toptalent Stoffel Vandoorne für die Saison 2017 ein Cockpit zu geben. Trotz seines Alters von 37 Jahren ist Button noch immer zu Spitzenleistungen fähig. Dafür muss die Balance des Autos stimmen - wie in Spielberg, wo er alles aus dem Auto herausholte, was möglich war. Button absolvierte ein perfektes Wochenende.
Platz 2, Pascal Wehrlein: Fast hätte der junge Deutsche seinen ersten WM-Punkt in der Formel 1 selbst weggeschmissen. Als er seinen Manor in die Startaufstellung fuhr, stellte er sich hinter Sebastian Vettel auf Startplatz 10. Da gehörte er aber nicht hin. Wehrlein bemerkte den Fehler selbst, knallte den Rückwärtsgang rein und rangierte souverän in die richtige Lücke. Sekundenbruchteile bevor die erste Ampel auf Rot schaltete, stand er korrekt. Fiasko verhindert.
Denn was der amtierende DTM-Champion sonst präsentierte, war außerordentlich gut. Das Qualifying endete mit einem fabelhaften zwölften Rang. Zwölfter. Im Manor! Wehrlein kratzte sogar an den Top 10. Und was er im Rennen leistete, war nicht schlechter. Das Safety Car warf ihn zwar um über zehn Sekunden zurück, doch Wehrlein quetschte alles aus seinem Boliden heraus.
Mit dem zweiten Stopp schloss er wieder auf. Dann folgte die wilde Hatz: Im Windschatten von Valtteri Bottas stürmte Wehrlein auf Alonso zu. Als der aufgab, war der erste Punkt für Manor in der Saison 2016 sicher. Auf einer Rennstrecke. Ohne Wetterkapriolen. Das Hinterbänklerteam hat den Anschluss an das Mittelfeld geschafft und Wehrlein demonstriert sein Talent, indem er ein riesiges Ausrufezeichen setzt.
Platz 3, Carlos Sainz jr.: Startplatz 15 wegen Motorenproblemen im Qualfying? Egal. Sainz machte die Enttäuschung schnell vergessen. Er katapultierte sich in der ersten Runde fünf Plätze nach vorne. Doch wie Wehrlein verlor auch Toro Rossos Spanier unter dem Safety Car massiv Boden. Der Boxenstopp war einfach zu langsam. Sainz musste sich von Platz 17 aus zurückkämpfen. Er tat es eindrucksvoll.
Ericsson, Palmer, Magnussen, Hülkenberg und Alonso überholte Sainz auf der Strecke. Als sich Sergio Perez in der vorletzten Runde mit Bremsversagen ins Kiesbett verabschiedete, übernahm Sainz Platz 8. Red Bulls Entscheidung, frühzeitig die Option für eine weitere gemeinsame Saison zu ziehen und die Wahl öffentlich zu machen, ist angesichts dieser Leistung einmal mehr vollkommen verständlich.
Platz 4, Max Verstappen: Der Niederländer war einer der Verlierer des Reifen-Taktik-Poker im samstäglichen Qualifying. Seine einzige schnelle Runde auf Slicks absolvierte er zu früh. Im Rennen machte Verstappen die Quali-Niederlage aber direkt wieder wett. Er überholte seinen Teamkollegen, Daniel Ricciardo, wie Williams-Pilot Valtteri Bottas in der ersten Runde. Anschließend machte Verstappen das, was Mercedes nicht schaffte: Er schonte die Reifen so sehr, dass er sich einen zeitraubenden Boxenstopp sparte.
Mit einem Reifenwechsel fuhr der 18-Jährige als Zweiter durchs Ziel. Seinen zweiten Besuch auf dem Podium erarbeitete er sich unabhängig vom Silberpfeil-Crash selbst. Verstappen verteidigte seine Position entschieden und klug. Gegen Rosberg und Hamilton wehrte er sich kaum. Er ließ sie vorbei, konzentrierte sich stattdessen weiter auf Räikkönen. Verstappen bewies damit Reife. Er fuhr kontrolliert schnell. Nochmal: Der junge Niederländer ist erst 18 Jahre alt.
Platz 5, Lewis Hamilton: Der 250. GP-Sieg eines Briten in der Formel-1-WM-Geschichte, Hamilton jubelte. Doch die Misstöne der Fans überwogen: Pfiffe und Buhrufe für den Sieger. Waren sie angebracht? Nein. Hamilton absolvierte einen grundsoliden Österreich-GP. Er holte die Pole Position. Er verlor die Führung vor allem, weil Mercedes ihn unbedingt auf einer Ein-Stopp-Strategie halten wollte. Dabei war früh zu sehen, dass Rosberg mit den soften Slicks Runde für Runde massiv Zeit gutmachte. Erst als Mercedes die Strategie für den Weltmeister umstellte, wurde es ein fairer Kampf, der letztlich im Unfall endete. Wobei, war der Kampf fair?
Beide Silberpfeile hatten Bremsprobleme. Keiner drosselte das Tempo. Wenn das Team keine Vorgaben macht, seine Fahrer frei fahren lassen will, dann macht jeder so viel Druck, wie er nur kann. Rosbergs Bremse setzte aus. Er rutschte weiter in die Kurve hinein. Das sagte zumindest Niki Lauda und sprach dem Deutschen den Großteil der Schuld zu. War das wirklich so? Schauen wir uns dazu den Teamkollegen an ...
Platz 6, Nico Rosberg: Vielmehr sah es vor dem Crash der Silberpfeile so aus, als habe Rosberg seinen Teamkollegen absichtlich so weit wie möglich auf die Außenbahn gedrängt. Hamilton, der vor der Kurve leicht vorne lag und Rosberg deswegen nicht sehen konnte, lenkte ein. Das Ergebnis ist bekannt. Mercedes gingen durch den zweiten teaminternen Crash der Saison 2016 abermals Punkte verloren. Motorsportdirektor Toto Wolff kündigte Änderungen an. Stallregie ist nun möglich.
Letztlich hätten zwei Varianten einen neuerlichen Unfall verhindern können. Erstens: die Stallorder - zumindest in den letzten Runden die Positionen zu halten, wenn beide Autos technische Probleme haben - wäre aus Sicht des Teams zielführender, als sich selbst einen erbitterten Kampf zu liefern. Zweitens: eine einheitliche Strategie. Dass Hamilton mit einem Undercut seinen Teamkollegen attackierte und durch den zusätzlich bestellten Soft-Slick mit der besseren Reifenmischung unterwegs war, hätte Mercedes verhindern können.
Die Vorgabe, beide Piloten im direkten Kampf stets mit der gleichen Taktik auf die Strecke zu schicken und den Führenden zu bevorteilen, schmiss Mercedes nach der Saison 2015 über den Haufen. Das war der Auslöser für den Unfall - nicht Rosberg, nicht Hamilton.
Rosberg hatte bis dahin alles richtig gemacht. Die gebrochene Radaufhängung im 3. Training schien den Silberpfeilkampf verhindert zu haben, doch der WM-Führende ließ sich nicht beeindrucken. Von Startplatz 6 kommend übernahm er in Runde 27 die Führung. 39 von 71 Runden belegte er Platz 1. Doch dann kam die finale Runde, Turn 2, der Unfall mit Hamilton. Um es klar zu sagen: Nach meinem Dafürhalten ist kein Fahrer schuld, beide fuhren auf einem Niveau.
Platz 7, Sergio Perez: Dass ihn die gebrochene Hinterradaufhängung aus dem Qualifying befördert hatte, war Perez am Sonntag nicht anzumerken. Er fuhr schnell, er fuhr sauber und er machte problemlos Plätze gut. In der ersten Runde arbeitete sich der von Rang 16 gestartete Mexikaner fünf Plätze vor.
Platz 8, Romain Grosjean: Der Franzose flog im Qualifying ab und beschädigte sich dabei seinen Haas. Er musste seine schnellste Runde im Regen absolvieren. Die Niederlage im Qualifying ist einen deutlichen Abzug wert - wie auch die Strafe nach zu schnellem Fahren in der Box. Grosjean glich die Patzer wieder aus. Er verbesserte sich durch ausgezeichnetes Reifenmanagement um sechs Plätze und überfuhr die Ziellinie als Siebter. Teamkollege Esteban Gutierrez, der einen Stopp mehr brauchte, schaffte es nur, seinen elften Platz zu halten.
Platz 9, Kimi Räikkönen: Der Iceman fuhr in Spielberg zum vierten Mal in der Saison 2016 aufs Podium. Er hatte dieses Mal Glück. Räikkönen verlor nach dem Start hinter Button zu viel Zeit. Er klemmte hinter Ricciardo fest. Als der Finne den Australier endlich hinter sich gelassen hatte, fuhr er schnell die Lücke zu Verstappen zu. Nur reichte es nicht mehr für einen Angriff. Dafür hatte er zu viel Zeit liegen gelassen. Die Enttäuschung war Räikkönen auf dem Podest anzusehen. Er hatte sich mehr ausgerechnet.
Platz 10, Nico Hülkenberg: Drittschnellste Zeit im Qualifying, zweiter Startplatz, ein grandioser Samstag. Nur lief wie bei Hülkenberg üblich danach überhaupt nichts mehr zusammen. Vier (!) Boxenstopps machte der Le-Mans-Gesamtsieger 2014, bevor er abstellte. Eigentlich hatte Pirelli einen als optimale Strategie ausgegeben. Der Force India fraß das Gummi auf, weil in der abgekühlten Steiermark plötzlich die Balance überhaupt nicht mehr passte. Am Samstag war Hulk mit dem VJM09 der angesehene Dr. Jekyll, am Sonntag mutierte das Auto zu Mr. Hyde. Ein seltsamer Fall. Hülkenberg hatte keine Chance.
Formel 1: Kalender und WM-Stand 2016 im Überblick