Neven Subotic von Union Berlin im Interview: "Wir leben in einer krass unfairen Welt"

Alexander SchlüterBenni Zander
29. September 201918:23
Spielt seit Sommer für Aufsteiger Union Berlin und hat nebenbei eine eigene Stiftung gegründet: Ex-BVB-Spieler Neven Subotic.getty
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Am Freitagabend empfängt Union Berlin zum Auftakt des 6. Spieltags Eintracht Frankfurt (ab 20.15 Uhr live auf DAZN und im LIVETICKER). Mit dabei sein wird auch Neven Subotic, der im Sommer zu den Eisernen wechselte. Im Interview mit SPOX und DAZN spricht Subotic über die "krasse, einzigartige Herausforderung" Union, seine Entdeckung am College in den USA, seine Zeit beim BVB, die gesellschaftliche Verantwortung von Fußballprofis und seinen Verzicht auf Luxus.

Außerdem spricht Subotic über seine Stiftungsarbeit in Äthiopien, seine Gründe für den Wechsel zu Union Berlin und erklärt, warum Fußball "absolut unwichtig" ist.

Herr Subotic, Sie sind in jungen Jahren mit Ihren Eltern von Bosnien nach Deutschland ausgewandert. Wie sind Ihre Erinnerungen an diese Zeit?

Neven Subotic: Die ersten Erinnerungen sind die an den Kindergarten. Da gab es keine Segregation, alle Kinder waren zusammen, durften miteinander spielen und Spaß haben. Da spielte weder die Hautfarbe noch die Herkunft eine Rolle. Im heutigen Kontext von Integration ist es erschreckend zu sehen, wie weit wir von diesem funktionierenden Mechanismus entfernt sind.

Ein paar Jahre später mussten Sie mit Ihren Eltern in die USA weiterziehen, weil die Aufenthaltsgenehmigung fehlte. Wie war die Zeit am College für Sie?

Subotic: Ich wurde streng erzogen, durfte zum Spielen allenfalls raus in den Park. Ein Ausflug ins Kino war schon ein Highlight für mich. Deshalb war diese neue Freiheit mit 17 Jahren schon eine eindrucksvolle Erfahrung. Aber der College-Lifestyle, dieses Highschool-Hollywood-Klischee-Gehabe, war nichts für mich. Ich war auf Fußball konzentriert und wollte Profi werden. Deshalb habe ich das College nach einem Semester wieder verlassen.

Sie wurden vom FSV Mainz 05 entdeckt und nach Deutschland geholt. Wie kam es dazu?

Subotic: Ich lernte bei der U-17-WM in Peru einen Berater kennen, der Kontakte zu deutschen Vereinen hatte und mir ein Probetraining organisieren wollte. Im Sommer 2006 wurde dann aus einer Woche Probetraining in Mainz gleich zwei Monate. Ich glaube, man wollte mich mental testen. Es war ein Quantensprung, vom College in die deutsche Bundesliga. Zwei Jahre später war ich dann schon in Dortmund.

Im Kampf gegen eine Neven Subotic Stiftung

Wohin Sie Jürgen Klopp gelotst hat.

Subotic: Im Sommer hat er mich angerufen und gesagt: ‚Wenn du möchtest: Wir suchen noch jemanden.' Ich hatte starkes Vertrauen zu ihm. Er hat mir die Augen geöffnet und gezeigt, was nötig ist, um auf professionellem Niveau zu bestehen. Ich hatte das Gefühl: Wenn mich einer nach vorne bringen kann, ist das Kloppo. Und natürlich war auch die Aussicht auf den BVB reizvoll, mit seinen 80.000 Verrückten jedes zweite Wochenende im Stadion.

Dortmund war die erfolgreichste Zeit Ihrer Karriere. War es auch die schönste?

Subotic: Es waren schöne Momente dabei, aber vor allen Dingen war es eine lehrreiche Zeit. Sie hat mir gezeigt, was es braucht, um als Mannschaft erfolgreich zu sein. Kuba (Jakub Blaszczykowski, d. Red.) hat es mal treffend formuliert: Wenn wir vor dem Anpfiff im Tunnel standen, lagen wir eigentlich schon 2:0 vorne. Jeder wusste, dass er sich auf den anderen verlassen konnte. Das war unser Gefühl damals, die Motivation und die Qualität der Mannschaft hat einfach gepasst. Unter der Woche haben wir die nötige Teamdynamik entwickelt.

Der Zusammenhalt soll besonders gewesen sein.

Subotic: Absolut. Die meisten von uns waren in den Meisterjahren noch Bubis. Keiner wusste, was da wirklich passiert. Das zu erleben und am Ende den ganz großen Triumph zu feiern, schweißt zusammen für die Ewigkeit. Die Zeit kann das nicht schmälern, das verbindet für immer. Deshalb sind die Jungs meine Brüder.

Waren Sie damals schon komplett auf den Fußball fokussiert?

Subotic: Ja. Meine Stärke liegt nicht darin, das größte Talent zu haben, auch technisch bin ich nicht der Stärkste. Aber ich habe gelernt, dass die Leute, die hart und klug arbeiten, am Ende meistens auch ihre Ziele erreichen. Und mir machen Herausforderungen sehr viel Spaß.

So wie Union jetzt.

Subotic: Union ist eine krasse, einzigartige Herausforderung.

Aber warum Union?

Subotic: Ich habe eine Liste mit Kriterien, die ich versuche, gezielt abzuarbeiten bei der Wahl eines Klubs. Dazu gehört die Entwicklung des Vereins, die Kontinuität auf der Trainerbank. Ich habe keine Lust zu einem Klub zu gehen, bei dem alle paar Monate der Trainer ein anderer ist. Dazu gehört die sportliche Strategie, die Frage, welchen Spieler der Trainer eigentlich sucht. Bin ich nicht dieser Spielertyp, dann sage ich das auch. Ich nutze verschiedene Quellen, um mir ein konkretes Bild machen zu können: die Gespräche mit dem Trainer, dem Sportdirektor, aber auch mit Spielern aus der Mannschaft. Daraus kann ich die Werte ermitteln, für die dieser Klub steht. Union war einer der wenigen Vereine, bei denen es im Gesamtbild stimmig war. Geld steht irgendwo ganz unten bei mir. Ich möchte die Möglichkeit haben, zu spielen.

Erst gemeinsam beim FSV Mainz 05 und dann beim BVB: Trainer Jürgen Klopp und Innenverteidiger Neven Subotic.imago images

Union wirkt dazu geradezu romantisch. Ist dafür im Fußballgeschäft überhaupt noch Platz?

Subotic: Eine Geschichte dazu: Sponsorenabende sind immer recht launige Veranstaltungen. Bei Union war das aber sehr ernst. Die Sponsoren wollten mit klarmachen, was ihnen Union bedeutet. Bei den Gesprächen an meinem Tisch wurde klar, dass sie mir zeigen wollten, wer sie als Verein sind. Die Sponsoren sehen sich nicht nur als Geldgeber, sondern zeigen: Wir sind eisern. Und das bedeutet, füreinander da zu sein. Für Union heißt das: Der Klassenerhalt ist unsere Meisterschaft und wir kämpfen mehr als der Gegner. Wir müssen über diese gemeinsame Kraft kommen. Ob wir dann mal ein Spiel verlieren, ist nicht so wichtig. Es geht darum, dass alle sehen, was es bedeutet, ein Eiserner zu sein. Das ist ein Teil des Seins. Es geht um mehr als nur Fußball in diesem Klub.

Die gemeinsame Spendenaktion für Äthiopien von Neven Subotic und DAZN

Welchen Einfluss haben die Fans von Union in diesem Zusammenhang?

Subotic: Ich hatte schon Geisterspiele mit der Nationalmannschaft und es waren echte Grottenspiele. Die Fans wecken die letzten paar Prozent. Ohne Fans ist dieser Sport etwas völlig anderes. Sie machen den Fußball erst so besonders. Ein Tor vor 80.000 Fans zu erzielen, ist bombastisch. Die Fans sind ein aktiver Teil des Spiels, der ganz entscheidend dazu beiträgt.

Neulich waren Sie zu sehen, wie Sie die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen. Waren Sie überrascht vom Echo?

Subotic: Ich nutze die Bahn, wie es zigtausende andere Menschen in Berlin auch machen. Sie verzichten aufs Auto und nehmen die Öffentlichen.

Trotzdem war es ein Thema. Wie viel Luxus gönnen Sie sich überhaupt?

Subotic: Es gibt sehr viele Dinge, auf die ich liebend gerne verzichte. Ich hatte mehrere Autos, ein Haus mit riesigem Garten. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass mich das alles stört. Dass es ein Traum ist, der einem vorgegaukelt wird. Ich war sehr glücklich, als ich endlich mein Haus und meine Autos verkauft hatte. Diese Freiheit ist super. Es ist eine Bereicherung für mich, weniger zu haben. Ich kann meine Gedanken und meine Zeit deshalb auch Dinge lenken, die wichtiger sind.

Ist die teilweise absurde Bewunderung für Fußballspieler noch gesund?

Subotic: So lange es wirklich um Fußball geht, ist das toll. Ich bewundere auch andere Menschen. Ein Problem sehe ich dann, wenn Fußballspieler und deren Privatleben für Kinder zum Vorbild werden. Das ist dann der Traum, nach dem sie sich sehnen. Das ist gefährlich.

Haben Fußballspieler, gerade mit ihrer enormen Reichweite und Akzeptanz, keine Verantwortung?

Subotic: Doch. Aber ob sie diese wahrnehmen und entsprechend danach handeln, ist eine ganz andere Frage. Die Initiative ‚Common goal' etwa, bei der Sportler ein Prozent ihres Gehalts spenden, ist ein Anfang, aber weit entfernt vom eigentlichen Ziel. Es geht nicht darum, ein Prozent zu spenden und dann ist die Welt in Ordnung. Es geht um den Menschen selbst: Wie sieht er sich in der Gesellschaft? Was trägt der dazu bei? Erzeugt er in seiner Rolle ein Maximum an Vorteilen für die Gesellschaft? Hinterfragen sich alle, ob ihr Handeln nachhaltig ist? Da gibt es noch enorm viel Potenzial, das ist ein Schlüssel für die Zukunft. Wir müssen weg von diesen Statussymbolen wie Auto oder Haus. Das macht nicht glücklich. Das versuche ich gerade auch jungen Spielern zu vermitteln.

Wie kam es bei Ihnen zum Sinneswandel?

Subotic:Ich habe gemerkt, dass das nicht ich bin. Dass ich eine Rolle spiele. Ich fühlte mich damit nicht wohl. Nur weil bestimmte Dinge von außen erwartet werden in so einer Situation, war das nicht auch für mich richtig. Ich habe mich einfach im noblen Viertel weniger wohl gefühlt, sondern hatte mein Glück viel mehr im Herzen Dortmunds gefunden. Ich habe also einfach mitten in der Stadt gelebt - weil ich keine Lust hatte, morgens nach dem Aufstehen mit dem Auto zur Arbeit oder zum Essen fahren zu müssen. Ich wollte an allem nah dran sein. Kaum ein anderer Spieler hat in der Stadt gelebt. Aber für mich war es der perfekte Platz. Ich habe mich frei gemacht und gemerkt, was mir wichtig ist. Das war ein Prozess.

Neven Subotic: Spielerstatistiken beim BVB, Union und Mainz

VereinSpieleTore
Union Berlin3-
AS Saint-Etienne443
Borussia Dortmund26318
1. FC Köln12-
FSV Mainz 05384

Was hat Sie dazu bewogen, eine Stiftung zu gründen?

Subotic: Wir nehmen unseren Lebensmittelpunkt und die 30 Kilometer drumherum wahr. Was kommt aber dahinter? Ich war nie jemand, der sich ausschließlich um seine Familie kümmern wollte. Ich wusste von vielen Problemen auf der Welt und dachte mir: Es kann nicht sein, dass sich die Reichsten in den reichsten Ländern und den reichsten Städten, wo ohnehin das meiste Geld sitzt, nur um sich selbst und ihre 30 Kilometer drumherum kümmern. Und in den ärmsten Ländern der Welt leben Menschen von weniger als einem Dollar und neunzig Cent am Tag. Keiner von uns, inklusive mir, kann sich vorstellen, in einer Umgebung aufzuwachsen, in der allein der Weg zur Schule als Luxus gilt, weil es so viele andere Aufgaben zu erledigen gilt, um zu überleben. Deshalb wurde aus meinem lokalen ein globales Engagement. Meine Stiftung ist die Plattform, um Menschen in Äthiopien zu helfen, ihre Menschenrechte durchzusetzen und ihnen den Zugang zu sauberem Wasser zu ermöglichen. Das ist jede Menge Arbeit, allein mit unseren großen Herzen kommen wir nicht ans Ziel. Wir müssen dafür auch den Kopf einschalten und täglich dafür arbeiten.

Was machen Sie konkret vor Ort in Äthiopien?

Subotic: Äthiopien hat rund 100 Millionen Einwohner, über 80 Prozent der Bevölkerung lebt auf dem Land. Das sind einfache Bauern, die Männer sind tagsüber auf den Feldern, die Frauen und Kinder müssen Wasser beschaffen. Mehrere Stunden am Tag, in 20-Liter-Kanistern. Es gibt aber kaum Quellen, außerdem sind die meisten verunreinigt. Die Kraft und Zeit, die dafür geopfert werden muss, raubt den Kindern die Zeit, zur Schule zu gehen. Wir kümmern um also um Tiefwasserbrunnen in den Dörfern, um sauberes Wasser vor Ort zu bekommen. Dazu statten wir Schulen noch mit Sanitäranlagen, mit Toiletten und Handwaschbecken, aus. Die meisten Schulen haben so etwas gar nicht.

Neven Subotic hat eine Liste von Kriterien, die bei der Wahl eines Klubs für einen Wechsel zum Einsatz kommt - im Sommer passte Union Berlin.getty

Sie waren schon oft selbst vor Ort. Wie sind die Eindrücke von dort mit einem reichen Land wie Deutschland zu vergleichen?

Subotic: Generell schockiert mich der Überfluss, in dem wir leben. Der Unterschied zwischen einem der reichsten Länder der Erde und einem der ärmsten ist Wahnsinn. Bei mir verstärkt sich der Effekt sogar noch, weil ich in diesem reichen Land als Fußballprofi sogar noch zur reichsten Schicht gehöre und sich dann alles um Materielles und Lifestyle dreht. Dabei interessiert das doch kein Schwein - weil es gar nichts verändern wird im Leben von irgendjemandem. Wir sind geblendet vom Materialismus und machen uns stattdessen viel zu wenig Gedanken um uns selbst, unsere Zukunft und globale Probleme.

Was bekommen Sie von Ihrer Arbeit zurück?

Subotic: Motivation. Die Motivation, immer weiterzumachen. Wenn wir ein Dorf mit einem Brunnen ausgestattet haben, gibt es hundert andere, die noch keinen haben. Wir freuen uns über das eine Dorf, aber das ist eben nicht das Ende des Lieds. Wir müssen kritisch und selbstkritisch bleiben. Das weckt in meinem Team und mir die Motivation. Wir reden viel über Infrastruktur und Projekte - aber am Ende bekomme ich im Kontakt mit Menschen immer Gänsehaut. Wenn man sieht, dass man wirklich helfen konnte.

... wird Fußball unwichtig?

Subotic: Fußball ist absolut unwichtig. Fußball ist immer noch mein Traum, ein gesellschaftliches Phänomen und für viele der Mittelpunkt ihrer Identität. Aber es geht tatsächlich nicht um Leben und Tod.

Was ist Ihre Botschaft?

Subotic: Wir leben in einer krass unfairen Welt. Und im Sinne einer globalen Gemeinschaft müssen wir uns aktivieren, unsere Fähigkeiten und Fertigkeiten einsetzen. Jeder Mensch hat Einfluss auf seinen eigenen Alltag und diesen anders zu gestalten, ist oftmals keine große Kunst. In vielen schlummert das Feuer, etwas verändern zu wollen. Wir müssen es nur entfachen.