"Das totale Rockstar-Programm"

Jan-Hendrik Böhmer
22. März 201612:07
Draymond Green stieg binnen zweier Saisons vom Bankwärmer zum All-Star und Champion aufgetty
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Draymond Green gilt als die Seele der historischen Golden State Warriors - und darüber hinaus auch als ihr Lautsprecher. Der Forward im Gespräch über Arroganz, Trash-Talk und das Leben im Auge des Sturms. Außerdem: Was er von den Miami Heat gelernt hat.

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Er sieht aus, als wäre er im Urlaub. Draymond Green sitzt nach dem Training der Golden State Warriors direkt neben dem Court: Den Blick auf sein Telefon gerichtet, die Knie in mehrere Schichten Eis eingewickelt. Er wartet. Oder besser: Er lässt warten.

Gut 20 Journalisten wollen mit dem Warriors-Forward sprechen, doch der sieht nicht so aus, als wäre er in Interview-Laune. Er lehnt sich auf dem viel zu klein wirkenden Klappstuhl zurück und greift sich ein isotonisches Kalt-Getränk.

Wenn man Green so sieht, könnte man ihn schnell als arrogant einstufen. Wenn er mit den Medien spricht, unterbricht der 26-Jährige schon mal ein Interview, um darauf hinzuweisen, dass ihn das T-Shirt eines Journalisten irritiert. Oder aber er springt mitten im Interview drei Fragen zurück, weil ihm eine bessere Antwort eingefallen ist. Green liebt das Spiel mit Fans und Medien - und er weiß genau, wie man es spielt.

Und das kommt nicht von ungefähr: Der Forward gilt als einer der intelligentesten Spieler der NBA. Im Umfeld des Teams erzählt man sich Anekdoten - wie Green etwa das gemeinsame Training abbricht, um allen zu erklären, dass man diesen bestimmten Spielzug gegen den nächsten Gegner nicht durchziehen kann. Er könne sich erinnern, dass man dabei in der Vergangenheit ganz böse ausgekontert worden wäre. Niemand glaubt ihm. Nicht einmal die Trainer wissen, wovon er redet. Bis sie nach 20-minütiger Video-Studie zurück in die Halle kommen und ihm recht geben müssen.

Green lebt für diese Momente. "Ich wurde mit diesem Talent gesegnet", sagt er. "Ein fast fotographisches Gedächtnis für Basketball. Und ich werde damit nicht hinter dem Berg halten, mich kleiner machen, den Mund halten, nur weil irgendjemandem meine offene Art nicht gefällt. Wenn man das dann arrogant nennt, dann ist das so."

Dem 26-Jährigen gefällt sein Image. Tough Guy. Harter Arbeiter. Der, der sich - auf eine irgendwie freundliche Art und Weise - mit dem Gegenspieler anlegt, wenn es sein muss. Doch sobald man sich länger mit Green beschäftigt, bröckelt die Fassade. Oder aber sie wird von anderen zum Einsturz gebracht. Wie in diesem Fall von Ian Clark.

Der Warriors-Guard drängelt sich hinter Green vorbei, greift in eine Kühlbox und legt seinem Teamkollegen nonchalant eine Handvoll Eis auf dem Kopf. Green - ohne auch nur eine Miene zu verziehen - massiert sich das Eis genüsslich in die Haare. "Ahhh", sagt er und winkt einen Team-Offiziellen herbei. Jetzt ist er bereit zum Interview.

SPOX: Die Stimmung im Team scheint zu passen, kein Anzeichen von Druck. Wie gehen Sie mit den gestiegenen Erwartungen und dem Rekord-Hype um?

Draymond Green (lacht): Ziemlich gut, würde ich sagen. Dafür sorgen wir mit solchen kleinen Einlagen wie eben von Ian. Nein, mal im Enrst. Für uns geht es darum, jeden Tag Spaß an dem zu haben, was wir machen. Das ganze Drumherum, die Interpretationen und das Auflisten von Rekorden, das überlassen wir lieber den Medien.

SPOX: Also verspüren Sie selbst keinen Druck, reden nicht über den Bulls-Rekord?

Green: Natürlich wollen wir den Rekord brechen - das ist doch klar. Wer würde das nicht. Wir haben aber einen ganz anderen Fokus. Wir sind nicht in die Saison gegangen und haben gesagt: 'Wir müssen unbedingt mehr als 72 Spiele gewinnen'. Wir haben uns viel mehr auf unsere Stärken konzentriert und der Erfolg ist das Resultat. Aber jetzt, wo wir schon so weit gekommen sind, da wollen wir das natürlich auch zu Ende bringen.

SPOX: Also doch ein bisschen Druck... oder besser: Erwartungshaltung?

Green: Lassen Sie mich das kurz mal durchrechnen: 20 Jahre sind seit der legendären Bulls-Saison vergangen. In diesen 20 Jahren haben es alle 30 NBA-Teams jede Saison aufs Neue versucht - und sind gescheitert. Ich denke also nicht, dass es da viel Druck gibt. Aber vielleicht sehe ich das auch nur entspannter als viele andere. Für mich ist es viel wichtiger, hungrig zu bleiben, immer mehr zu wollen - und den Ritt zu genießen.

SPOX: Ist das nicht ein schwieriger Balanceakt - den Erfolg genießen und dennoch hungrig bleiben? Viele Experten hatten nach dem Titelgewinn davor gewarnt, nicht selbstgefällig zu werden - sich nicht auf den Lorbeeren auszuruhen. Wie haben es die Warriors geschafft, im Jahr nach dem ersten Titel sogar noch bissiger zu sein?

Green: Das ist schwer zu sagen. Wir haben ein junges, hungriges Team und sind noch lange nicht fertig. Und man muss das auch mal so sehen: Wir haben in diesem Jahr noch nicht wirklich viel erreicht. Die Bilanz ist beeindruckend, das stimmt. Aber die zählt am Ende nicht, wenn einem in den Playoffs plötzlich die Puste ausgeht.

SPOX: Wie sehr wird Ihnen eigentlich im Liga-Alltag bewusst, was Sie da gerade erreichen? Bleibt überhaupt die Zeit, um den Erfolg zu verarbeiten?

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Green: Es kann schon passieren, dass man manchmal etwas mitgerissen wird. Dann blickt man wenig später zurück und sagt: 'Wow! Was war denn hier gerade los?' Aber insgesamt halten wir uns als Team gegenseitig immer irgendwo in der Balance zwischen 'den Moment auskosten, den Erfolg genießen und sich bewusst werden, dass man Teil von etwas Großem ist' und 'bloß nicht zu viel genießen und selbstgefällig werden.'

SPOX: Welche Rolle spielen Medien und Fans dabei? Der Andrang ist mittlerweile extrem. Noch vor zwei Jahren konnten Sie relativ unbehelligt agieren, jetzt sind bei jedem Training und in jedem Hotel Fans und Reporter dabei. Macht das Spaß?

Green: Es hat sich auf jeden Fall viel verändert. Nehmen Sie uns beide als Beispiel. Als wir uns mit Steph vor zwei Jahren zum ersten Interview getroffen haben, waren Sie fast der einzige Reporter, der sich beim Auswärtsspiel für uns interessiert hat. Jetzt stehen Fans und Fernsehen überall Schlange. Das ist eine krasse Veränderung, auf die man sich erst einstellen muss - dann ist es aber unglaublich cool. Das totale Rockstar-Program.

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SPOX: Viele erfolgreiche Teams werden von den neutralen Fans nicht gerade geliebt. Die Heat haben während ihrer größten Erfolge zum Beispiel viele negative Fan-Reaktionen bekommen, die Sympathien gingen tendenziell immer zum Underdog. Bei den Warriors scheint das anders zu sein. Sie scheinen fast überall gut anzukommen...

Green: Sie haben das Stichwort bereits genannt: Sympathie. Wenn man als Fan einen Spieler - oder die Spielweise und Mentalität eines Teams - mag, dann möchte man diesen Spieler, dieses Team gewinnen sehen. Das ist überall so. Wir scheinen als Team eine gewisse Mentalität auszustrahlen, die den Fans gefällt. Schauen Sie doch nur mal Steph Curry an: Egal wie tödlich seine Dreier sind und wie oft er dein Team abschießt, du kannst diesem Lausbuben-Gesicht einfach nicht böse sein. Wir nehmen uns insgesamt nicht so ernst, versuchen Dinge locker zu sehen - das erkennen die Fans an.

SPOX: Welche Rolle spielt Trash-Talk dabei? Sie sind dafür bekannt, gerne auch mal Teamkollegen und Gegenspieler auf den Arm zu nehmen und für Schlagzeilen zu sorgen.

Green: Trash-Talk? Ich? Das kann überhaupt nicht sein. So etwas würde ich nie tun. Ich spiele doch nur Basketball... und sage zwischendurch vielleicht manchmal die Wahrheit.

SPOX: War das jetzt ein typischer Draymond? Sie wissen, dass ich auf etwas ganz Bestimmtes hinaus will - und lassen mich dann eiskalt hängen...

Green (lacht): Absolut. Unverhofft kommt oft. Ansonsten wäre es ja langweilig.

SPOX: Das kann aber auch dazu führen, dass Sie arrogant wirken. Stört Sie das?

Green: Da überlasse ich jedem seine eigene Meinung. Ich hatte jedenfalls immer Vertrauen in meine Fähigkeiten und bin überzeugt, dass man das haben muss, um es an die Spitze zu schaffen. Dass ich damit nicht hinter dem Berg halte, ist meine bewusste Entscheidung. Das gehört zu meiner Persönlichkeit und hat es immer getan. Für mich ist es wichtig, dass ich meinen Worten dann aber auch Taten folgen lassen kann.

SPOX: Wie sehr spornt es Sie dabei an, dass Ihnen noch vor zwei Jahren kaum jemand diesen Erfolg zugetraut hat, Sie in keine Schublade zu passen schienen?

Green: Natürlich ist es ein gutes Gefühl, all die Dinge zu tun, von denen alle gesagt haben, dass ich sie nicht kann - und ich es manchmal sogar geglaubt habe. Ich möchte herausragen, ein Hall-of-Famer sein, ein mehrfacher All-Star und Champion. Aber das möchte ich für mich und nicht für irgendjemand anders.

SPOX: Führt dieser Ehrgeiz dann auch dazu, dass Ihre Emotionen manchmal überkochen - wie vor einiger Zeit beim Spiel gegen Oklahoma City?

Green: Ich bin ein sehr emotionaler Mensch, das stimmt. Aber normalerweise ist es ja so, dass ich diese Energie positiv nutze, um das Beste aus mir und meinen Teamkollegen herauszuholen. Gegen die Thunder bin ich dann etwas über die Stränge geschlagen. Das war ein Fehler. Aber nichts von dem, was ich gesagt habe, war gegen die Beteiligten persönlich gerichtet. Ich war von mir selbst enttäuscht. Das an meinem Team auszulassen, war falsch. Ich habe mich entschuldigt und damit war das Thema abgehakt.

SPOX: Gibt es anschließend eigentlich Ratschläge von routinierten NBA-Spielern?

Green: Die gibt es. Aber nicht in Bezug auf Emotionen.

SPOX: Sondern?

Green: Als wir zum Beispiel gegen Miami gespielt haben, kamen wir mit Dwyane Wade und Chris Bosh ins Gespräch. Die waren selbst vor nicht allzu langer Zeit an der Spitze der Liga und haben uns daran erinnert, diesen Moment auszukosten. Man weiß nie, was die Zukunft bringt - Verletzungen, Trades, Free Agency - deshalb kann und muss man sich in der NBA nur auf das konzentrieren, was direkt vor einem liegt.

SPOX: Klingt das nicht ein wenig düster?

Green: Es ist ziemlich ernüchternd, das stimmt. Niemand denkt gerne über den Super-GAU nach. Aber tief drinnen wissen wir genau, dass dieser Höhenflug irgendwann enden muss. Das ist die Realität, das ist das Leben. Enjoy it while you have it.

Draymond Green im Steckbrief