Sein Leben bereitete ihn auf die Bundesliga vor. Und auf die neue Rolle als Kapitän. Vor dem Bundesliga-Auftakt gegen den FC Bayern (Sa., 15.15 Uhr im LIVE-TICKER) spricht Greuther Fürths Spielführer Mergim Mavraj über seine Vergangenheit als Polizist, das Pokal-Aus und die wahre Stärke des Aufsteigers.
SPOX: In einer geheimen Spielerwahl wurden Sie vor dem Saisonstart zum neuen Kapitän ernannt. Eine heikle Angelegenheit, zeigte sich doch Ihr Vorgänger Thomas Kleine, mit dem Sie die Fürther Innenverteidigung bilden, enttäuscht über den Verlust des Amtes. Überwog bei Ihnen die Freude - oder angesichts der Umstände die Unsicherheit?
Mergim Mavraj: Es kam total überraschend für mich. Die Wahl wurde relativ spontan angesetzt zwischen zwei Trainingseinheiten und ich dachte nicht im Entferntesten daran, dass ich der Kapitän werden könnte. Ich bin nicht so lange im Fürth, als ob ich einen Anspruch darauf hätte. Umso schöner ist es zu wissen, dass die Mannschaft derart hinter einem steht. Aber die Grundsituation war natürlich unangenehm für uns beide. Ich schätze Thomas sportlich und menschlich sehr. Er ist jemand, zu dem ich hochblicke. Dass er enttäuscht und traurig ist, verstehe ich vollkommen. Trotzdem hat er sich riesig verhalten und steht loyal zu mir. Wir setzten uns sofort unter vier Augen zusammen und sprachen über die seltsame Lage, an der wir beide ja nichts können. Es bleibt definitiv nichts hängen und wir werden weiter so unbeschwert und verständnisvoll miteinander umgehen wie letztes Jahr. Für den Aufstieg war unsere Harmonie in der Innenverteidigung sehr wichtig.
SPOX: Wissen Sie, warum Sie so viele Stimmen bekamen?
Mavraj: Vielleicht liegt es daran, dass ich mit meinen 26 Jahren genau in der Mitte zwischen zwei Welten stehe: Hier die jüngere Generation, von denen ich nicht so weit weg bin. Und dort die ältere Generation, in die ich mich nach den Erfahrungen der letzten Jahre zunehmend besser hineinversetzen kann.
SPOX: Eine wichtige Rolle wird Ihr Charakter gespielt haben. Sie sagen von sich, dass Sie bei aller Lockerheit einen "ausgeprägten Drang nach Regeln" verspüren.
Mavraj: Das kann sein. Mir war es wichtig, dass ich vom ersten Tag an für keine Eskapaden verantwortlich bin und nicht nur auf dem Platz Leistung bringe, sondern auch außerhalb des Platzes nach den Regeln lebe, die ich von jedem anderen erwarte. Ohne je an die Kapitänsbinde gedacht zu haben, wollte ich den anderen das Gefühl geben, dass auf mich Verlass ist, wenn es hart auf hart kommt. Ich lebe schon mein Leben lang nach Regeln, das steckt in mir.
SPOX: Ein Vorurteil in Deutschland lautet, dass viele in Deutschland aufgewachsene Fußballer mit Migrationshintergrund undiszipliniert wären. Fühlten Sie sich in der Jugend anders?
Mavraj: Irgendwie ja. Natürlich gab es wie bei jedem Jugendlichen Phasen, in der es einem nicht besonders gut ging, allerdings spürte ich immer, dass die Basis in mir stimmt. Und wenn ich über mich nachdenke, warum das wohl so ist, komme ich jedes Mal zurück zur Erziehung. Mein Vater hatte in Albanien Maschinenbau studiert, aber weil er es sich nicht mehr leisten konnte, wanderte er nach Deutschland aus und war normaler Fabrikarbeiter. Er nahm einen Schritt nach dem nächsten, um uns ein besseres Leben zu ermöglichen. Dafür bin ich ihm unendlich dankbar - und um meinen Eltern den Respekt entgegenzubringen, stelle ich mir bei jeder Entscheidung die Frage: "Was würden mein Vater und meine Mutter von mir erwarten?" Natürlich machte ich Fehler, doch diese Denke bewahrte mich davor, die völlig blöden Fehler zu begehen.
SPOX: Um zu illustrieren, wie Sie ticken: Als Sie 16 waren, bemühten Sie sich selbst um ein Praktikum bei der Polizei.
Mavraj: Ich habe einen Hang zu Autoritäten sowie Recht und Ordnung. Das gefiel mir. Deswegen verfolgte ich als Kind nie den Traum, Fußball-Profi zu werden, stattdessen dachte ich an eine Karriere bei der Polizei. Ein Polizist übernimmt Verantwortung und trifft in schwierigen Zeiten Entscheidungen, obwohl es manchmal eine undankbare Rolle ist. Ich finde, dass das ein erfüllender Job ist. Daher überlegte ich mir in der 10. Klasse, wie mein beruflicher Weg aussehen könnte und wollte direkt sehen, wie es mir gefällt.
SPOX: Und dann ging eines der größten hessischen Fußball-Talente zur Wache und fragt?
Mavraj: Genau. Ich ging auf die Wache in Seligenstadt, wo ich aufwuchs, und fragte einfach. Sie sagten, dass sie leider keine Praktika vergeben würden, ich mich dafür in Mühlheim bewerben könnte. Also bin ich weiter nach Mühlheim, wo die Polizisten etwas skeptisch waren. Die dachten, dass ich es nicht ernst meine und ich nur mit der Pistole Verbrecher jagen will. Ich konnte sie überzeugen und durfte vier Wochen bleiben. Anfangs saß ich im Büro und schaute über die Schulter, wenn Beschwerden eingereicht oder die Personalien von Betrunkenen und Kaufhausdieben aufgenommen wurden. Am Ende durfte ich sogar bei der Streife mitfahren.
SPOX: Warum sind Sie jetzt Bundesliga-Profi und kein Polizist?
Mavraj: Ich hatte wirklich überlegt, mit dem Fach-Abitur von der Schule zu gehen und mich für eine Polizei-Ausbildung zu bewerben. Wobei mir schnell klar wurde, dass ich ganz mit dem Fußball aufhören müsste, weil die Arbeits- und Trainingszeiten nicht vereinbar sind. Deswegen setzte ich auf die Karte Fußball und machte parallel das richtige Abitur. Wenn es nicht mit dem Fußball geklappt hätte, wäre die Polizei nicht irgendeine, sondern DIE Alternative gewesen. Mich hätte es gereizt, am Anfang die Drecksarbeit und den Papierkram zu erledigen und mich langsam hochzuarbeiten.
SPOX: Sie lebten mit Ihrer Familie lange in einem Problemviertel. Die Gefahr, dass Sie im kriminellen Milieu landen, bestand nicht?
Mavraj: Die Gefahr gibt es immer. Meine Eltern waren sehr dahinter, dass ich eine gute Ausbildung genieße und ich von den Cliquen weggehalten werde. Damit ich mit ihnen nicht weiter in Berührung komme, sind wir irgendwann woanders hingezogen. Wobei das nichts bringt. Wenn jemand für solche Dinge empfänglich ist, sucht man den Umgang, egal wie entfernt man wohnt. Ich hingegen hatte nie Interesse an diesen Leuten. Man teilte das gemeinsame Interesse für Fußball, weil alle Jungs aus diesen Vierteln darauf hoffen, als Profi groß rauszukommen. Darüberhinaus gab es keine Gemeinsamkeiten.
SPOX: Wurden Sie seltsam angeschaut, dass Sie freiwillig zur Polizei wollten?
Mavraj: Das sorgte für Gelächter. Von wegen: Ein Albaner bei der Polizei? Normal wird man vom Typen in der Uniform abgeführt, jetzt hängt man mit dem Typen in der Uniform ab. Gleichzeitig spürte ich, dass ich dafür respektiert wurde, meinen Weg zu gehen.
Interview-Teil II: Mergim Mavraj über das Pokal-Aus und den Schlüssel gegen die Bayern
SPOX: Sind Sie ein Einzelgänger?
Mavraj: Schon als Kind machte ich viel mit mir selbst aus und sprach selten mit anderen über Probleme. Wenn ich als Zehnjähriger Ärger vom Trainer bekommen hatte und mein Vater fragte, was passiert sei, blieb ich stumm. Ich wollte für mich selbst Entscheidungen treffen, um nach einem Fehler mit reinem Gewissen sagen zu können, dass ich selbst daran schuld war und nicht jemand anders. So lernte ich schnell, Selbstverantwortung zu übernehmen.
SPOX: Ist es als Kapitän nicht wichtig, sich den Mitspielern zu öffnen?
Mavraj: Ich weiß - und seit ich in Fürth spiele, entwickelte ich mich in dem Bereich weiter. Anfangs hatte ich noch nicht jeden an mich herangelassen, aber schnell wurde mir bewusst, wie wichtig es ist, auf andere einzugehen und über den eigenen Tellerrand hinauszublicken. Ich möchte mit meiner Erfahrung den Jungen im Team helfen und in die Gruppe integrieren.
SPOX: Wie ist beispielsweise Ihr Verhältnis zu Lasse Sobiech? Er ist wie Sie früher deutscher U-21-Nationalspieler und wurde im Sommer als Alternative zu Ihnen und Kleine aus Dortmund ausgeliehen.
Mavraj: Wir haben schnell einen Draht zueinandergefunden. Wir beide stehen nicht so auf oberflächliche Fußball-Gespräche und er erinnert an mich als Jugendspieler: ein bisschen in sich gekehrt und zurückhaltend. Ich rede viel mit ihm und möchte ihm den Einstieg erleichtern. Auf der anderen Seite sind wir gar nicht zu vergleichen, daher kann ich mich nur bedingt in ihn hineinversetzen.
SPOX: Warum? Sie galten ebenfalls früh als ziemlich kompletter Innenverteidiger.
Mavraj: Ich meine eher im mentalen Bereich. Ich hatte mich als Jungprofi falsch eingeschätzt. Im letzten SPOX-Interview sagte ich bereits, dass ich dachte, ich wäre selbstbewusst. Obwohl ich es letztendlich nicht war. Das erkenne ich jetzt. Lasse hingegen ist reifer und in sich ruhender. Er weiß, worauf es ankommt, und besitzt ein ungeheures Potenzial.
SPOX: Sie hatten vor einigen Monaten noch leichte Zweifel, ob die Talente im Kader darauf gefasst sind, sich wöchentlich in der Bundesliga zu behaupten. Sind Sie nach dem Pokal-Aus beim Drittligisten Offenbach erst recht skeptisch?
Mavraj: Zunächst einmal: Die Bundesliga wird für jeden im Verein die wohl größte Herausforderung aller Zeiten, das gilt nicht nur für die Profis, sondern genauso für den Physiotherapeuten und den Platzwart. Wir traten letztes Jahr aber den Beweis an, was für eine Dynamik entsteht, wenn man als Kollektiv zusammenhält. Der einzelne Spieler darf schwächeln. Solange wir als Team eine Einheit bilden, fangen wir alle auf. Und diesen Spirit verkörpern alle Talente. Eddy Prib oder Sercan Sararer sind überragende Individualisten mit einer besonderen Klasse - und leben zugleich diesen Mannschaftsgeist vor. Um auf die Frage zurückzukommen: Wenn wir Teamwork und Winnermentalität aus der zweiten Liga gleichzeitig einbringen, werden wir schwer zu schlagen sein. Aber auch nur dann.
SPOX: Greuther Fürth wurde dank der Spielstärke zugetraut, die Sensation der kommenden Saison zu sein.
Mavraj: Es geht nur darum, wie die Eichhörnchen das Überleben zu sichern, das hat das Pokal-Spiel gezeigt. Alles andere ist Utopie.
SPOX: Als wie nachteilig erweist sich Olivier Occeans Weggang?
Mavraj: Es ist verständlich, dass er angesichts seines Alters und der Verdienstmöglichkeiten nach Frankfurt wollte. Auch wenn es für uns schade ist: Er passte perfekt zu uns und vollendete unser Offensivspiel. Einer wie er hatte Fürth lange gefehlt. Dennoch war Olli nur ein Mosaiksteinchen. Ein Heinrich Schmidtgal, der aus Oberhausen verpflichtet wurde, schlug genauso sensationell ein. Genauso ein Sercan Sararer, der letzte Saison auftrumpfte. Oder ein Bernd Nehrig hinten rechts oder ein Thomas Kleine, der für die Medien zu alt war und dennoch grandios spielte. Fürth ist mehr als der Einzelne.
SPOX: Ist es dennoch das richtige Signal, dass Fürth mit Djiby Fall, vor drei Jahren noch fünf Millionen Euro teuer, und dem dänischen EM-Teilnehmer Tobias Mikkelsen zwei namhafte Offensivspieler verpflichtet wurden?
Mavraj: Es soll für keinen Spieler abwertend klingen - aber in diesem Sommer ging es darum, Erstliga-Spieler zu holen. Wir brauchen Jungs, die wissen, wie der Hase läuft. Jungs, die sich wehren. Und Jungs, die sich selbst aus dem Loch ziehen können.
SPOX: Reicht es dennoch für eine Überraschung zum Bundesliga-Auftakt gegen den FC Bayern?
Mavraj: Die Bayern werden nach den Erlebnissen zuletzt geil auf die neue Saison sein, trotzdem sollten wir uns nicht zu viele Gedanken um sie machen. Stattdessen müssen wir uns auf uns fokussieren. Im letztjährigen Pokalwettbewerb haben wir Nürnberg und Hoffenheim geschlagen und gegen Dortmund mitgehalten. Daher wissen wir, dass wir konkurrenzfähig sind, solange wir unsere Stärken einbringen. Das Entscheidende in der Saison wird es sein, diese Stärke nicht nur im Pokal alle paar Wochen abzurufen, sondern Woche für Woche. Dann werden wir unsere Punkte holen, egal ob gegen die Bayern oder gegen Freiburg und Augsburg.
Mergim Mavraj im Steckbrief
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