Julian Schieber im Interview über Darts: "Wer Phil Taylor kritisiert, hat den Sport nie geliebt"

Jochen Rabe
22. Februar 201812:02
Julian Schieber ist leidenschaftlicher Darts-Fan.getty
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Julian Schieber von Hertha BSC ist leidenschaftlicher Darts-Fan. Vor dem Spieltag der Premier League Darts in Berlin (ab 20 Uhr live auf DAZN) spricht der 29-Jährige über die Faszination Ally Pally, Phil Taylor und seine persönlichen Darts-Fähigkeiten.Demnächst auf SPOX: Das große Fußball-Karriere-Interview mit Julian Schieber!

SPOX: Herr Schieber, der erste Spieltag der Premier League Darts auf deutschem Boden steht bevor. Haben Sie Ihr Kostüm schon rausgelegt?

Julian Schieber: Die Karten habe ich sofort besorgt, als bekannt wurde, dass das in Berlin stattfindet. Natürlich weißt du als Fußballer nie, ob du es terminlich hinbekommst. Ich trainiere aufgrund meiner Verletzung momentan individuell, deswegen klappt es vielleicht. Wenn ich ganz normal im Spielbetrieb wäre, wäre ich am Donnerstag ganz sicher nicht unterwegs. Jetzt habe ich die Chance, zumindest kurz reinzuschauen.

SPOX: Kommen Sie dann privat mit Freunden?

Schieber: Genau, ich habe eine kleine Darts-Clique mit drei Kumpels aus Stuttgart, mit denen ich auch schon zweimal im Ally Pally war. Zwei schaffen es, einer ist leider verhindert. Die Jungs haben am nächsten Tag frei, für sie ist es natürlich optimal.

SPOX: Was macht für Sie den Mythos Ally Pally aus?

Schieber: Ich habe momentan noch keinen Vergleich, da ich bisher bei keinem anderen Turnier war. Deswegen trifft es sich jetzt sehr gut. Der Ally Pally ist das Verrückteste, was man sich vorstellen kann. Das muss man als Darts-Fan erlebt haben. Und es ist ja immer in der Weihnachtszeit. Da habe ich als Fußballer Urlaub und kann mir die Zeit frei einteilen. Ich bin jedes Jahr immer wieder gerne dort.

SPOX: Welches war das verrückteste Kostüm, das Sie je im Ally Pally gesehen haben?

Schieber: Puh, das ist nicht einfach. Man sieht die vogelwildesten Sachen, alle Farben, viele Tierkostüme. Es ist wie Karneval mit Spitzensport. Ich selbst war dieses Jahr inkognito und hatte eine Raben-Maske auf. Da hat mich keiner erkannt.

SPOX-Redakteur Jochen Rabe traf Julian Schieber in Berlin zum Interview.spox

SPOX: Müssen Sie sich selbst bei einem Sportevent in England verkleiden, um nicht aufzufallen?

Schieber: Es ist der Wahnsinn, wie viele Deutsche dort sind. Ich habe nahezu keine Engländer gesehen, du hörst überall deutsche Sprechchöre und Gesänge. Deswegen sollte man zumindest ein bisschen darauf achten, wie man sich gibt. Das Jahr lief auch sportlich nicht optimal für mich, da ich lange verletzt war. Das ist natürlich eine ganz andere Voraussetzung als im Jahr zuvor, als ich im Rhythmus war. Andererseits ist es Urlaub und da darf man auch ein bisschen feiern. Leider ist es jedoch so, dass Darts im Ally Pally mittlerweile für viele ausschließlich eine Party-Plattform ist.

SPOX: Was stört Sie daran?

Schieber: Klar will ich die Atmosphäre aufsaugen und finde sie wichtig, aber ich möchte den Sport verfolgen. Ich war im Dezember beim Match zwischen Raymond van Barneveld und Vincent van der Voort. Wenn da im Publikum "Ohne Holland fahren wir zur WM" gesungen wird, hat das nichts beim Darts verloren. Das finde ich schade und den Spielern gegenüber respektlos. Ich hoffe, dass es durch den Hype immer mehr Leute gibt, die den Darts-Sport lieben und dadurch zur Vernunft kommen.

SPOX: Wie ist Ihre Liebe zum Darts entstanden?

Schieber: Es ist gelaufen wie bei vielen anderen auch. Als ich etwa zehn Jahre alt war, lag irgendwann unter dem Weihnachtsbaum eine Dartscheibe. Angefangen hat es mit klassischem E-Darts. Und wie es in dem Alter ist, willst du überall der Beste sein, auch beim Darts. So hat sich das hochgepusht.

SPOX: Wie gut sind Sie denn?

Schieber: Mit der Klappe spiele ich ganz oben mit, da bin ich absoluter Weltmeister. (lacht) Wenn ich dann am Practice Board stehe, geht es wieder steil nach unten. Es gibt solche und solche Tage. Ich mag den Sport extrem, hatte aber zuletzt selten die Möglichkeit zu spielen.

SPOX: Wieso?

Schieber: Ich habe zwei kleine Kinder mit zwei und vier Jahren. Meine Scheibe hing im Wohnzimmer und das Haus ist sehr hellhörig. Deswegen hat meine Frau zu Recht am Rad gedreht, wenn ich gespielt habe, während die Kinder im Bett waren. (lacht) Jetzt habe ich seit Anfang des Jahres endlich eine zweite Dartscheibe unten im Keller und spiele wieder intensiver. Ich habe ein ganz gutes Scoring und checke auch manchmal mit dem ersten Dart aus. Es gibt aber auch Tage, an denen ich 15 Aufnahmen an so einem blöden Doppel hängen bleibe. Da könnte ich ausrasten. Meistens habe ich einen Average zwischen 50 und 60. Das ist ok, aber ich will noch mehr.

SPOX: Die Tattoos dafür haben Sie ja schon.

Schieber: Das passt auf jeden Fall. Der Bauch fehlt mir noch, aber der kann ja nach der Karriere noch kommen.

SPOX: Wann werden Sie Ihre Kinder an den Darts-Sport heranführen?

Schieber: Wenn ich Teppichboden habe und die Darts keine Macken in den Boden rammen. (lacht) So ein Board muss ja ab und zu ausgetauscht werden. Bevor ich das dann wegwerfe, hänge ich es einen Meter tiefer und sie dürfen drauf werfen.

SPOX: Wann haben Sie begonnen, die Profis zu verfolgen? Gerade als Fußballer könnte man schnell die Meinung entwickeln, das sei kein Sport.

Schieber: Klar ist Darts auch ein Kneipensport und das ist auch gut so. Die Leute werfen zwei Euro in einen Automaten, trinken ein paar Bier und darten. Ich kenne auch Leute in meiner Heimat, die in einem Klub spielen. Die treffen sich jeden Freitag und spielen. Am Anfang ist der Average beachtlich und mit jedem Bier sackt er weiter ab. (lacht) Aber irgendwann bin ich logischerweise auf den Namen Phil Taylor gestoßen. Wenn jemand in einem Sport 16-mal Weltmeister wird, bekommt man das als sportinteressierter Mensch zwangsläufig mit.

SPOX: Dadurch sind Sie angefixt worden?

Schieber: Nach und nach ging es los, dass ich immer mehr Übertragungen im TV verfolgt oder mir auf Youtube Neun-Darter angeschaut habe. Da gibt es Legs, die ich bestimmt schon 100-mal gesehen habe. Das ist einfach professionell, da kann mir niemand etwas anderes erzählen. Wenn du an der Scheibe stehst und dich selbst verbessern willst, merkst du erst einmal, wie mental anspruchsvoll das ist. Natürlich ist es nicht der athletischste Sport. Aber andererseits: Mit Gerwyn Price will ich mich auch nicht messen. (lacht)

SPOX: Sie haben Phil Taylors Einfluss auf Ihre Darts-Faszination angesprochen. War er auch Ihr Liebling?

Schieber: Mein Favorit ist ganz klar Peter Wright. Wie er sich in Interviews gibt, gefällt mir sehr gut. Dass er privat relativ schüchtern und ein sehr netter Mensch ist, sich aber auf der Bühne in diesen Showman verwandelt, ist der Hammer. Aber eines ist für mich klar: Wer Phil Taylor kritisiert, hat den Darts-Sport nie geliebt. Ich hätte mich riesig gefreut, wenn er zum Abschluss seiner Karriere noch einmal die WM gewonnen hätte. Er war extrem wichtig für den Boom. Ich habe in den letzten Jahren aber noch einen weiteren Liebling dazu bekommen.

SPOX: Und zwar?

Schieber: Mensur Suljovic ist als Typ sensationell. Wie er sich in den letzten Jahren sportlich entwickelt hat, beeindruckt mich. Und natürlich fiebere ich auch mit den Deutschen mit. Sie müssen noch lernen, aber sie sind super Jungs, sehr bodenständig und haben viel Talent. Es ist schön, wie sich der Sport hierzulande entwickelt.

SPOX: Welche Matches werden Sie als Fan nie vergessen?

Schieber: Extrem wehgetan hat mir das Premier-League-Finale, als Peter Wright gegen Michael van Gerwen so nah dran war und am Ende doch verloren hat. Das bleibt hängen. Aber auch das WM-Halbfinale zwischen van Gerwen und Rob Cross kürzlich kam zum genau richtigen Zeitpunkt für den Darts-Sport. Es macht am meisten Spaß, wenn zwei Spieler sich gegenseitig hochschaukeln. Ich liebe die High Scorer. Wenn es bei zum Beispiel Gary Anderson oder Dave Chisnall läuft, fliegen die Funken.

SPOX: Die PDC ist bemüht, die verschiedenen Turniere durch unterschiedliche Modi einzigartig zu machen. Was verfolgen Sie außer der WM am liebsten?

Schieber: Jeden Donnerstag Premier League zu schauen, ist schon geil. Der Modus ist super, die besten Spieler sind dabei, die Hallen voll und am Ende stehen diejenigen in den Playoffs, die über einen langen Zeitraum die beste Leistung gezeigt haben. Das ist weniger abhängig von der Tagesform.

SPOX: Wie sehen Sie die Kräfteverhältnisse in der Premier League in der ersten Saison ohne Phil Taylor?

Schieber: Selbst als Taylor in den letzten Jahren dabei war, war er ja nicht mehr Topfavorit. Da hatte ihm van Gerwen schon den Rang abgelaufen und wie er sich jetzt nach seiner Halbfinal-Niederlage gegen Cross bei der WM präsentiert, ist beeindruckend. Es wird kein Weg daran vorbeiführen, dass er mindestens ins Finale kommt. Aber es geht auch um Tagesform. Wright hat gesagt, er will 20 Turniere in diesem Jahr gewinnen. Das sagt der auch nicht einfach so, der glaubt daran. Ich hoffe auch, dass Anderson wieder zu seiner Form findet. Van Gerwen ist bei allen Turnieren der Favorit, aber es gibt ein paar Spieler, die ihn an einem guten Tag schlagen können.