Marko Pesic im Interview: "Die Politik muss erkennen: Der Sport ist nicht das Problem, er ist eine Lösung"

Florian Regelmann
06. November 202010:46
Marko Pesic gewann mit Dirk Nowitzki bei der EM 2005 die Silbermedaille.imago images
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Marko Pesic ist seit 2013 Geschäftsführer beim FC Bayern Basketball. Im Jahr 2020 musste der 43-Jährige den Verein nicht nur durch die Corona-Pandemie führen, sondern auch gemeinsam mit Sportdirektor Daniele Baiesi eine neue Mannschaft zusammenstellen. Im Interview mit SPOX erklärt Pesic vor dem BBL-Start am Wochenende die Hintergründe und räumt dabei auch Fehler ein.

Außerdem verrät Pesic, was ihm aktuell große Sorgen macht, er richtet einen Appell an die Politik und erzählt seine Lieblingsgeschichte rund um seinen Kindheitshelden Drazen Petrovic.

Herr Pesic, die Corona-Pandemie dauert nun schon viele Monate an und wird uns auch noch länger begleiten, wie sind Sie persönlich bis hierhin mit dem sehr schwierigen Jahr klargekommen?

Marko Pesic: Es gab Phasen, in denen ich verzweifelt war. Das ist, glaube ich, ganz natürlich. Aber ich bin in einer Rolle, in der ich viel Verantwortung trage. Verzweiflung und Pessimismus sind da sehr schlechte Begleiter. Deshalb haben wir uns als Team darauf konzentriert, mit so viel Optimismus wie möglich an die Aufgaben heranzugehen und die Sachen zu verändern, die wir verändern können. Ich bin grundsätzlich jemand, privat wie auch beruflich, der versucht, das zu kontrollieren, was ich kontrollieren kann. Dort, wo ich keinen Einfluss habe, ergibt es wenig Sinn, dass ich mich darauf verlasse, dass es so kommt, wie ich es gerne hätte. Mit dieser Einstellung bin ich bislang ganz gut durch das Jahr gekommen, aber es ist für uns alle eine große Herausforderung.

Jetzt steht der BBL-Start vor der Tür, Zuschauer werden wir im Lockdown light aber erstmal nicht in den Hallen sehen. Wie blicken Sie auf die aktuelle Situation im Basketball?

Pesic: Ich sehe momentan zwei große Probleme. Das eine liegt für mich im Jugendbereich. Auf unsere Sportart bezogen im Jugend-Basketball. Die Jugendlichen hatten über Monate hinweg keine Möglichkeit, zu trainieren und zu spielen. Mehr noch: Sie hatten auch keine Möglichkeit, sich zu sozialisieren. Wer wie ich im Mannschaftssport groß geworden ist, weiß um dessen immense Bedeutung. Es geht um viel mehr als darum, einen Ball in einen Korb zu werfen. Es geht um den Umgang untereinander, um Respekt, Fairness, um Kommunikation. Darum, als Gemeinschaft Herausforderungen zu meistern. Diesen 10-, 16-Jährigen, die wir nach monatelanger Pause wieder in die Hallen zurückgeholt und die sich so gefreut hatten auf das Training und die Spiele, haben wir jetzt wieder ein Stoppschild vor die Nase setzen müssen. Für einen Monat, aber vielleicht auch für länger, das wissen wir ja nicht. Natürlich können wir jetzt wieder Zoom-Trainingseinheiten abhalten, aber dass die Kinder und Jugendlichen zuhause vor dem Computer sitzen, das wollen wir doch genau nicht. Aber etwas anderes bleibt uns nicht übrig, weil ja selbst ein Waldlauf in einer Kleingruppe momentan nicht erlaubt ist.

"Diese Verbindung zwischen Verein und Fans ist abgerissen"

Es ist interessant, dass Sie als erstes Thema gar nicht den Profisport ansprechen.

Pesic: Weil das Problem im Jugendsport für mich tatsächlich gesamtheitlich betrachtet größer ist als alle Probleme im Profisport. Es geht hier ja nicht nur darum, dass die sportliche Entwicklung in einem entscheidenden Alter komplett ausgebremst wird, sondern wie beschrieben vor allem auch um ein gesellschaftliches Thema. Man sollte den Jugendsport hier auch unbedingt vom Amateursport trennen. Amateursport bedeutet für mich, dass ich nebenbei Sport betreibe. Jugendsport ist etwas ganz anderes, mit einer ganz anderen gesellschaftlichen Verantwortung. Für mich ist das aktuell wirklich ein riesengroßes Problem und ich weiß vor allem nicht, wie wir das lösen sollen. Ich merke auch, wie sehr der Umut bei den Eltern wächst, dass ihre Kinder nicht mehr zum Training können.

Marko Pesic mit Bayern-Präsident Herbert Hainer.imago images / Lackovic

Was ist das zweite Problem?

Pesic: Das andere große Problem ist, dass wir als Vereine den Kontakt zu den Menschen verloren haben. Zur Fanbase. Ein Verein lebt aber vom Kontakt zu den Fans. Davon, dass die Zuschauer eine Bindung zu ihrer Mannschaft und ihren Spielern aufbauen. Das haben wir alles jetzt seit acht Monaten nicht mehr. Und wenn ich als Fan seit langer Zeit etwas nicht mehr erlebe, entwöhne ich mich vielleicht davon und suche mir einfach eine andere Beschäftigung. Ich gewöhne mich daran, nicht mehr zum Basketball zu gehen und dann gehe ich, selbst wenn es wieder möglich ist, eben nicht mehr hin, sondern verbringe meine Zeit mit Netflix-Serien, mit der Playstation, gehe wandern oder spiele Schach, was auch immer. Das wird eine direkte Auswirkung auf das Ticketing für diese Saison haben. Es fehlen die Menschen, für die wir den Sport überhaupt machen. Für mich hat es früher einen elementaren Unterschied gemacht, ob ich ein Trainingsspiel habe oder vor 15.000 Fans in der Arena in Köln spiele. Diese Verbindung zwischen Verein und Fans ist abgerissen. Das macht mir, genauso wie die Jugendthematik, große Sorgen.

Die finanziellen Sorgen haben Sie jetzt gar nicht thematisiert. Warum?

Pesic: Weil ich der Meinung bin, dass man darüber gar nicht mehr sprechen muss. Jeder normale Mensch, der eins und eins zusammenzählen kann, weiß, dass wir alle in große finanzielle Schwierigkeiten kommen werden, wenn sich die Lage nicht bald verbessert. Wir sind jetzt mit der Privatmaschine nach Tel Aviv und Istanbul gereist, obwohl wir uns das eigentlich gar nicht leisten konnten. Aber wir hatten gar keine andere Möglichkeit. Vor allem deshalb nicht, weil wir aufpassen und dafür Sorge tragen müssen, dass unser gesamter Tross so sicher wie möglich von A nach B, von B nach C und wieder von C nach A kommt. Diese Sicherheit hat die oberste Priorität, weil wir eine Verantwortung für unsere Mitarbeiter haben und weil der Wettbewerb sonst gar nicht stattfinden könnte. Wenn du dafür Geld ausgeben musst, kannst du es an anderer Stelle nicht ausgeben, das ist auch klar. Nochmal werden wir es wohl nicht machen, aber in dem Fall musste es sein.

Pesic: "Ich wünsche mir ein Umdenken in der Politik"

Nun ist es aktuell sehr ungewiss, ab wann wieder mit einer gewissen Anzahl an Zuschauern gerechnet werden kann. Wie viel Verständnis haben Sie für die getroffenen Maßnahmen?

Pesic: Ich habe volles Verständnis dafür, dass alles getan wird, um die Zahl der Neuinfizierten wieder nach unten zu drücken, um unser Gesundheitssystem nicht zu überlasten. Ich hoffe sehr, dass uns das in den kommenden Wochen gelingt. Für uns im Sport ist es allerdings insofern schwierig, weil wir erneut vor vollendete Tatsachen gestellt wurden, obwohl wir im Unterschied zum Frühjahr viel mehr Erfahrung und viel mehr Wissen haben. Es ist doch klar, dass das Virus auch am 1. Dezember noch da sein wird - und wohl auch noch in einer gewissen Intensität. Deshalb müssen wir die nächsten Wochen nutzen, um weiter an unseren Hygienekonzepten, die jetzt schon mindestens ausreichend gut sind, zu tüfteln und mit der Politik in Kommunikation zu treten.

Mit welchem Ziel?

Pesic: Wir hören ja inzwischen oft, dass wir lernen müssen, mit dem Virus zu leben. Für mich bedeutet das dann in der Logik auch, dass wir Veranstaltungen wieder möglich machen müssen. Und zwar nicht nur möglich, Veranstaltungen müssen wieder ausdrücklich erwünscht sein. Ich wünsche mir ein Umdenken in der Politik. In der Art und Weise, dass wir nicht abwarten, bis die 7-Tage-Inzidenz auf einen bestimmten Wert gefallen ist. Die Politik muss erkennen: Der Sport ist nicht das Problem, er ist eine Lösung. Gleiches gilt für Theater, Opern oder Konzerte. Wir sollten die Leute ermutigen, mit Bedacht zu Veranstaltungen zu gehen, die nachweislich ein sehr gutes Sicherheits- und Hygienekonzept haben. Wenn wir nicht aus der Schleife herauskommen, dass die Menschen nur noch zur Arbeit und nach Hause gehen, wird uns das auf Dauer nicht guttun als Gesellschaft. Die Menschen brauchen auch mal wieder eine Abwechslung. Und statt sich mit zehn oder 15 Leuten zuhause zu treffen, sollen sie lieber in der Gruppe zu einer Veranstaltung gehen, die sicher ist und bei der wir die Kontrolle haben, dass alle Regeln eingehalten werden. Das ist mein Wunsch.

Wie sehr stehen Sie in der jetzigen Phase im Austausch mit Präsident Herbert Hainer?

Pesic: Der Austausch ist generell wirklich sehr intensiv, wir sprechen mehrmals pro Woche miteinander. Herr Hainer ist von seiner Persönlichkeit natürlich ein ganz anderer Typ als Herr Hoeneß, aber die Gespräche sind ebenso produktiv. Er lässt uns auf der einen Seite alle Freiheiten, hilft aber auf der anderen Seite, wo immer er kann. Gerade in der schwierigen Corona-Phase ist er immer jemand, mit dem man zusammen kreative Ideen entwickeln kann. Wir sind sehr froh, ihn als Unterstützer an unserer Seite zu haben.

Beschweren konnten Sie sich aber über die insgesamt enttäuschende letzte Saison. In der frühen Saisonphase macht das neue Team einen exzellenten Eindruck, in der Euroleague spielt man plötzlich oben mit. Was mussten Sie verändern, um wieder den richtigen Weg in die Zukunft zu finden?

Pesic: Ich will ehrlich gesagt gar nicht mehr viel über die Mannschaft der letzten Saison sprechen. Aber wir haben intern ziemlich früh gemerkt, dass wir für die kommende Saison viel verändern werden müssen. Die Mannschaft muss wieder ganz anders auftreten, sie muss wieder einen ganz anderen Basketball spielen - das war uns schnell klar. Wir haben vor allem eines erkannt: Dass wir aufhören müssen, auf internationalem Parkett zu versuchen, unsere Spielweise mit der Spielweise anderer Mannschaften zu matchen, die aber deutlich besser sind als wir. In dem Fall gar nicht auf die finanziellen Möglichkeiten bezogen, sondern wirklich auf die Spielweise. Wir müssen vielmehr in den nächsten Jahren unsere eigene Nische finden, in der wir die besten sind, die wir nur irgendwie sein können. Wir müssen eine Mannschaft entwickeln, die für sich selbst einen eigenen Weg findet, um Basketball zu spielen und Spiele zu gewinnen.

Warum ging die Entwicklung überhaupt eine Zeit lang in die falsche Richtung?

Pesic: Mein Freund Matthias Sammer hat einmal gesagt: Im Gefühl des Erfolgs machst du die größten Fehler. Unser Problem waren in gewisser Weise die sehr erfolgreichen Jahre zuvor. Wir sind ein wenig in einen Trott hereingekommen und dachten, dass viele Dinge einfach automatisch immer wieder passieren. Das tun sie aber nicht. Diesen Fehler müssen wir uns ankreiden. Mit der neuen Mannschaft haben wir es jetzt geschafft, eine bessere Mischung zu finden. Eine Mischung aus jungen Spielern auf wichtigen Positionen, die auch auf internationaler Ebene noch entwicklungsfähig sind und einem Trainer, der die Flexibilität besitzt, aus dem Talent und den Möglichkeiten einer Mannschaft das absolut Maximale herauszuholen. Das war unsere Idee.

"Kann die Parallelen zwischen Pep und Andrea nachvollziehen"

Sie sprechen Coach Andrea Trinchieri und seine Anpassungsfähigkeit an. War das der entscheidende Schlüssel für die Verpflichtung?

Pesic: Es war eine wichtige Komponente, auf jeden Fall. Wir mussten eine Umorientierung einleiten und wenn man die letzten Stationen von Andrea in Bamberg und Belgrad analysiert, dann hat er dort genau das exzellent gemacht. Es war auch ein bisschen eine glückliche Fügung, dass wir genau das gesucht haben, was Andrea verkörpert. Und Andrea hat genau das gesucht, was wir ihm bieten konnten. Es war für beide Seiten der passende Zeitpunkt.

Marko Pesicimago images / Oryk HAIST

Trinchieri hat im SPOX-Interview erzählt, dass er sich sehr ähnlich betrachtet wie Pep Guardiola.

Pesic: Ich kenne Pep Guardiola nicht so gut, aber ich habe viele Geschichten über ihn gehört von meinem Vater. Ich kann die Parallelen zwischen Pep und Andrea schon nachvollziehen. Beide stehen für etwas Frisches, etwas Neues, beide schauen über den Tellerrand hinaus und beide können mit jungen hochveranlagten Spielern umgehen. Andrea weiß zum Beispiel genau, zu welchem Zeitpunkt er einen Jungen bringen kann. Er hat auch gar keine Angst, Leistungsträger hart anzupacken. Das ist für mich persönlich eine wichtige Qualität, weil wir da einfach keinen Unterschied machen können.

Mit einer 4-2-Bilanz ist der Start in die Euroleague hervorragend gelungen, mit einem Sieg gegen Belgrad am Freitag kann die Bilanz weiter verbessert werden. Zeit, um in der Euroleague anzugreifen?

Pesic: (lacht) Nein, nein. Das Schlüsselwort lautet wirklich: Prozess. Ja, es sieht bislang alles gut aus, wir scheinen wirklich eine gute Mischung gefunden zu haben. Aber wir sollten uns nur auf diesen sensiblen Prozess konzentrieren. Wir dürfen jetzt keine unnötigen Fehler machen und in unangebrachte Euphorie verfallen, wenn wir weiter so gut dastehen, oder in eine Depression, wenn wir mal zwei, drei Spiele verlieren. Ich bin sehr froh, wenn ich in dieser Woche die Trainingseinheiten gesehen habe. Weil ich sehe, wie konsequent Trainer und Mannschaft diesen Weg gehen. Und die Situation verbietet es ohnehin, zu weit nach vorne zu schauen. Aktuell hoffen wir, dass unsere Tests wieder negativ zurückkommen und bereiten uns auf die Spiele am Freitag und Sonntag vor. Weiter kannst du fast nicht denken. Was ich aber sagen kann, ist, dass es mir für die erste Saisonphase extrem wichtig war, mit der Einstellung in jedes Spiel zu gehen, zu fighten und das Ding gewinnen zu wollen. Und nicht irgendetwas herzuschenken. Das haben wir geschafft und das wollen wir auch weiter versuchen. Das ist der erwähnte, eigene Weg.

"Hey Dirk, Drazens Mutter möchte gerne mit dir sprechen"

Aktuell hat die Euroleague einige Überraschungen parat, Kaunas führt mit einer sehr interessanten Truppe die Tabelle an. Haben sich die Kräfteverhältnisse verändert?

Pesic: Nein, das würde ich nicht sagen. Real hatte einen langsamen Start, aber diese Mannschaft ist so gut und erfahren, dass sie am Ende doch wieder in den Top 4 stehen wird. Ähnlich würde ich es bei ZSKA sehen, Barcelona wird auch wieder oben dabei sein - und danach wird die Luft schon dünn. Ich gehe davon aus, dass die üblichen Verdächtigen mit der Zeit sich wieder durchsetzen und dann schauen wir mal, welche Chancen wir im Kampf dahinter so haben.

Drazen Petrovic hatte mal ein sehr spektakuläres Intermezzo bei Real, bevor er in die NBA wechselte. Am 22. Oktober wäre der Mozart des Basketballs 56 Jahre alt geworden, Sie haben an dem Tag mit einem Post auf Instagram Ihre Bewunderung für ihn ausgedrückt. Woran müssen Sie an so einem Tag denken?

Pesic: Drazen Petrovic war mein Basketball-Held. Als mein Vater in Sarajevo Trainer war, hat Drazen für Cibona Zagreb gespielt. Das war 1985. Ich weiß noch, wie ich mit acht, neun Jahren bei meinen Eltern darum gebettelt habe, zu einem Spiel von ihm gehen zu dürfen. Aber ich musste in die Schule, keine Chance. Also musste ich aus der Schule ausbüxen und habe mich irgendwie in die Halle gemogelt. Ich erinnere mich auch noch, wie 2005 bei der EM nach dem Finale gegen Griechenland plötzlich Drazens Mutter in der Hotel-Lobby stand und mich bat, sie zu Dirk Nowitzki zu bringen. Sie wollte unbedingt Dirk kennenlernen.

Was passierte dann?

Pesic: Wenn man Dirk und seine Gewohnheiten nach einem großen Turnier ein bisschen kennt, weiß man, dass solche Sachen nur bedingt Sinn ergeben. (lacht) Aber es half ja nichts, wenig später habe ich an Dirks Zimmertür geklopft. Dirk kam raus und ich habe gesagt: "Hey Dirk, Drazens Mutter möchte gerne mit dir sprechen." Was man wissen muss: Dirk hat damals ja ein unfassbares Turnier gespielt und wurde im Finale mit Standing Ovations verabschiedet. Drazens Mutter meinte dann zu ihm, dass sie ihm von ganzem Herzen zu seiner Leistung gratulieren wolle und dass er sie teilweise an ihren Sohn erinnert habe. Das war unglaublich emotional, wir hatten alle Tränen in den Augen.