"Bei den Liegestützen schlage ich sie alle"

Udo Hutflötz
05. November 201214:00
Karsten Wettberg ist auch mit 70 noch ein leidenschaftlicher TrainerImago
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Karsten Wettberg, Deutschlands erfolgreichster Amateurtrainer, klopft mit dem SV Seligenporten an das Tor der 3. Liga. Obwohl der SVS auf dem 2. Platz der Regionalliga Bayern steht, sieht es in Sachen Aufstieg schlecht aus. Wie er den kleinen Verein aus der 1000-Seelengemeinde in der Oberpfalz zum Erfolg geführt hat, was er von Mehmet Scholl hält und was den Löwen im Vergleich zu Hertha BSC fehlt, verrät der 70-Jährige im Interview.

SPOX: Herr Wettberg, war Ihnen das kleine Dorf Seligenporten vor Ihrem Engagement beim SVS eigentlich ein Begriff?

Karsten Wettberg: Ich habe zumindest gewusst, wo sie spielen und wo Seligenporten in etwa liegt. Ich wusste auch, dass mein alter Freund Karl-Heinz Wild (Chefreporter beim Kicker und Abteilungsleiter Fußball beim SV Seligenporten, Anm. d. Red) dort wohnt und sich bei diesem Verein sehr engagiert. Als der Verein vor dem Abstieg in die Landesliga stand, hat er mich um Hilfe gebeten. Letztendlich haben wir den Klassenerhalt geschafft. Eigentlich wollte ich nur kurzfristig einspringen, mir hat die Arbeit aber so viel Spaß gemacht, dass ich am Ende beim SVS geblieben bin.

SPOX: Gab es denn noch andere Angebote?

Wettberg: Es gab Kontakte zu einigen Bayernligisten. Es war eine sehr gute Anfrage dabei, die aber zu spät kam. Im Hinblick auf die Entfernung zu meinem Wohnort wäre die besser gewesen, aber wenn ich einmal ein Wort gebe, dann ziehe ich das auch durch.

SPOX: Aus kurzfristiger Hilfe sind inzwischen dreieinhalb Jahre geworden. Was macht diesen Verein aus?

Wettberg: Viele Menschen in der Gegend meinen, dass beim SVS ein großer Geldgeber dahintersteckt. Schön wär's (lacht). Aber wenn man die Gruppe von 20 bis 30 Rentner sieht, die das Sportheim und das Stadion ehrenamtlich aufgebaut haben, merkt man, dass in diesem Verein sehr viel Herzblut und Idealismus steckt. Und das ist wirklich einzigartig.

SPOX: Hier ist alles etwas kleiner und familiärer. Trinkt man ab und zu mit Anhängern im Vereinsheim ein Bier?

Wettberg: Ich bin kein Biertrinker, aber ich trinke gerne einmal einen Kaffee. Ich treffe mich dann im Vereinsheim mit einer Gruppe, die aus circa 50 bis 100 Leuten besteht. Selbstverständlich gehört es dazu, mit den Anhängern in Kontakt zu bleiben. Diese Gruppe unterstützt uns bei den Auswärtsspielen und ist ein Teil unserer Mannschaft. Wir wollen demnächst eine Fangruppe bilden, was mangels Masse allerdings schwerer umsetzbar ist als bei einem Profiverein.

SPOX: Mittlerweile steht der "Dorfverein" auf dem zweiten Tabellenplatz in der Regionalliga Bayern, die ja eine semi-professionelle Liga ist. Da muss schon richtig gearbeitet werden, um erfolgreich zu sein. Wie oft trainieren Sie denn?

Wettberg: In der Vorbereitung haben wir fünf bis sechsmal in der Woche trainiert. Während der Saison nur noch dreimal. Das ist gar nicht anders möglich, da die Spieler ansonsten eine höhere Fahrtgeldentschädigung wollen, was der Verein nicht bezahlen kann. Deswegen muss bei den Spielern mit sehr viel Überzeugung gearbeitet werden, damit sie in Eigenverantwortung tätig sind.

SPOX: Wie sieht ein normaler Tag bei Ihnen aus?

Wettberg: Bevor es zum Training geht, findet noch ein Telefonat mit einem Spieler, den ich unterwegs mitnehme, statt. Nachdem wir uns durch die unzähligen Baustellen und Staus auf der A9 durchgekämpft haben, beginnt das Training. Ich muss natürlich nach der Einheit noch Gespräche mit Vereinsverantwortlichen oder Spielern führen. Am Ende des Tages bin ich zwischen 22 und 24 Uhr zu Hause, je nachdem wie lange die Gespräche dauern. Ich muss mich natürlich auch auf die Spiele am Wochenende vorbereiten. Des Weiteren kommen noch die wöchentlichen Interviews mit zwei Tageszeitungen und mit anderen Medien dazu. Die Anfragen haben in der Regionalliga enorm zugenommen.

SPOX: Wie sieht die Vorbereitung auf die Spiele konkret aus?

Wettberg: Ich spiele gegen keinen Gegner, ohne dass ich ihn davor gesehen habe. Oder ich organisiere es so, dass jemand für mich die Spielbeobachtung übernimmt. Außerdem führe ich viele Gespräche mit Trainerkollegen. Insgesamt stehen viele Telefonate an, da man sich bereits jetzt nach eventuellen Neuzugängen im Winter umsieht. All diese Dinge, die im Profigeschäft üblich sind, beginnen auch schon in der Regionalliga.

SPOX: Die Entwicklung des SV Seligenporten, vom Abstiegskandidaten der Bayernliga bis hin zum Aufstiegsanwärter in der Regionalliga, ist rasant. Wo soll es hingehen?

Wettberg: Die Regionalliga ist eine sensationelle Klasse. Wir haben wohl den kleinsten Etat der Liga. Bei uns verdienen die Spieler keinen Cent, auch wenn das viele nicht glauben können. Es gibt für die Jungs nur eine Aufwandsentschädigung, sprich Fahrtgeld. Mehr kann sich der Verein nicht leisten. Somit versuchen viele Spieler über den SVS den Weg in die dritte Liga zu gehen.

SPOX: Ihr Torjäger Bernd Rosinger ist einer davon.

Wettberg: Für Bernd wäre es wichtig, wenn er sich in der Rückrunde langsam an ein professionelleres Training gewöhnen würde. Soll heißen: Wenn es soweit kommt, dass Bernd einen Vorvertrag unterschreibt, dann sollte er bis zu seinem Wechsel am Vormittag beim neuen Verein trainieren und abends bei uns. So gewöhnt er sich vorab an den Profi-Rhythmus. Aber eins ist klar: Wir werden ihm auf keinen Fall Steine in den Weg legen.

SPOX: Wenn die besten Spieler gehen, ist der Aufstieg kein Thema oder?

Wettberg: Nein. Da müsste schon ein größerer Sponsor gefunden werden, durch den die Spieler finanziert werden könnten. Mit so wenig Mannschaftstraining kann man nicht in die 3. Liga gehen. Das würde komplett schief gehen. Es ist jetzt schon sensationell, wie viele Punkte wir geholt haben. Dennoch geht der Blick nach unten, da man auch ganz schnell unten reinrutschen kann.

SPOX: Die Realität heißt aber: Platz eins ist greifbar!

Wettberg: Beim SVS ist das doch nur ein Traum. Wenn am Ende wirklich der erste Platz rausspringen sollte, dann weiß man: Es ist etwas erreicht, das einmalig wäre. Nichtsdestotrotz glaube ich nie und nimmer, dass der Verein diese Option wahrnehmen würde, da der Aufstieg nochmal so ein Quantensprung wäre, den der Verein nicht bewältigen kann. Allein für die Regionalliga musste der SV Seligenporten schon an seine Grenzen gehen. Aber nochmal: Was für uns zählt, ist der Klassenerhalt.

SPOX: Bislang spielen Sie oben mit: Zuletzt ging's gegen die Zweite Mannschaft des FC Bayern München und Mehmet Scholl. Was halten Sie von Ihrem jungen Trainerkollegen?

Wettberg: Mehmet Scholl hat in seiner Vita schon so viel vorzuweisen, dass man ihm nur großem Respekt entgegen bringen kann. Er hat schon als Trainer jahrelang gearbeitet, wobei ihm das nicht in den Schoß gefallen ist. Er hat eine Basis und entwickelt sich auch als TV-Experte weiter. All diese Dinge sind meines Erachtens anerkennenswert. Da kann ich als alter Trainer nur sagen, wenn man seine Karriere so beginnt, wie es Mehmet Scholl getan hat, dann wird man irgendwann mindestens einen Bundesligaverein trainieren.

SPOX: Heißt das, dass in Zukunft hauptsächlich Trainertypen wie Mehmet Scholl erfolgreich sein werden?

Wettberg: Nein, man sollte auf gar keinen Fall diejenigen vergessen, die in meinem Alter sind. Das Alter ist nicht unbedingt etwas Negatives, man kann auch im höheren Alter gute Leistungen vollbringen. Man darf nur nicht die Fehler machen, die ich in den letzten Jahren gemacht habe. Ich habe mich immer mit den jungen Spielern gemessen. Bei den Liegestützen ist das vielleicht noch möglich - da schlag ich sie alle. Aber beim Fußballspielen ist das nicht mehr möglich (lacht). Sonst verliert man dadurch nur seine Autorität, wenn man sich mit 20-Jährigen misst.

SPOX: Bei Ihrem Herzensverein, 1860 München, läuft es in dieser Saison so lala. Verfolgen Sie denn noch Spiele der Löwen?

Wettberg: Selbstverständlich. Wenn es sich irgendwie einrichten lässt, bin ich bei fast jedem Spiel im Stadion. Auch auswärts war ich in dieser Saison schon in Dresden und Berlin dabei. Das sind für mich immer wieder Highlights. Da kann man sehr gut sehen, was die Löwen brauchen, um beispielsweise mit der Hertha mitzuhalten.

SPOX: Was wäre das?

Wettberg: Man merkt, dass Geld doch Tore schießt. Wenn man die Etats der beiden Vereine sieht, dann weiß man genau, dass solche Offensivkräfte, wie die Hertha sie in ihren Reihen hat, nur mit Geld zu kriegen sind.

SPOX: Ist der Aufstieg für die Löwen dennoch möglich?

Wettberg: Wenn der Herbst gut überstanden wird, dann haben die Löwen durchaus Chancen, vor allem im Hinblick auf den dritten Platz. Bei den Braunschweigern muss man abwarten, ob sie das durchhalten. Zum anderen ist Hertha BSC der Favorit, der sich auf jeden Fall durchsetzen wird. Kaiserslautern könnte der Konkurrent von 1860 sein. Und Köln? Glaube ich nicht, dass es ein echter Konkurrent um den Aufstieg ist. Da ist das Durcheinander im Verein doch zu groß.

SPOX: Herr Wettberg, zum Abschluss: Können Sie sich vorstellen, nochmal bei einem anderen Klub tätig zu sein oder ist der SV Seligenporten Ihre letzte Station?

Wettberg: Wenn ich das heute entscheiden müsste, dann würde ich sagen, dass nach der Saison Schluss ist. Aber ich habe mir angewöhnt, im Fußball niemals nie zu sagen. Da braucht nur der Reiz wieder kommen und dann würde ich auch die ganzen Strapazen vergessen. Fußball wird hoffentlich noch einige Jahre meine Hauptbeschäftigung sein, allerdings möchte ich nicht mehr jeden Tag auf dem Trainingsplatz stehen. Meine Traumvorstellung ist es, als Scout zu arbeiten. Voraussetzung hierfür ist allerdings, dass ich weiterhin so gesund bleibe.